Schönheit muss leiden!? Schwachsinn.

Frau mit geschlossenen Augen und blauer Haube, Massagegeräte am Gesicht und eine Spritze nahe der Wange.

„Schönheit muss leiden.“ Diesen Satz habe ich schon unzählige Male gehört. Manchmal lachend auf der Behandlungsliege, manchmal ganz ernst gemeint von Kundinnen und Kunden, die davor anderswo behandelt worden waren. Es hat gebrannt, die Haut war tagelang rot, sie hat sich in Fetzen geschält und an Ausgehen war nicht zu denken. Stolz war darauf allerdings niemand. Im Gegenteil, die meisten wollten so etwas kein zweites Mal erleben.

In der Kosmetikbranche hält sich trotzdem hartnäckig die Vorstellung, eine Behandlung müsse umso wirksamer sein, je mehr sie brennt, schält, reizt oder sichtbare Spuren hinterlässt. Ich sehe das mittlerweile anders. Eine starke Reaktion der Haut ist für mich kein Gütesiegel, und eine Verletzung ist kein Beweis dafür, dass eine Behandlung besonders gut funktioniert hat. Meistens beweist sie nur, dass die Haut einiges aushalten musste.

Am Anfang steht die Haut und nicht die Methode

Bevor ich entscheide, was ich mache, sehe ich mir an, womit ich es zu tun habe. Natürlich informiere ich mich über neue Verfahren und Trends. Ich muss aber nicht jeden Trend mitmachen, nur weil er gerade überall zu sehen ist. Vieles verschwindet genauso schnell wieder, wie es aufgetaucht ist. Mich interessiert zuerst der Zustand der Haut, die an diesem Tag vor mir liegt.

Im Mittelpunkt steht dabei die Hautbarriere. Sie ist die äußerste Schutzschicht unserer Haut und sorgt unter anderem dafür, dass Feuchtigkeit nicht unkontrolliert verloren geht und Reizstoffe, Allergene und Keime möglichst draußen bleiben. Ist diese Barriere geschwächt oder irritiert, kann sich das als Spannungsgefühl, Brennen oder Rötung zeigen. Manche Haut reagiert dann plötzlich auf Dinge, die sie lange problemlos vertragen hat.

Eine solche Haut stabilisiere ich zuerst. Intensivere oder stärker abtragende Verfahren kommen erst dann infrage, wenn die Voraussetzungen dafür stimmen. Meine Reihenfolge ist schlicht. Ich beurteile den Hautzustand, unterstütze eine geschwächte Barriere und entscheide erst danach, welche Behandlung sinnvoll ist. Wer diese Reihenfolge umdreht, setzt ein neues Dachgeschoss auf ein Haus, dessen Fundament gerade Risse bekommt.

Korneotherapie, klassische- und apparative Kosmetik sind für mich keine Konkurrenz

Wer sich mit Hautpflege beschäftigt, stößt früher oder später auf verschiedene Denkschulen. Die Korneotherapie richtet ihren Blick besonders auf die Funktion und Stabilität der Hautbarriere. Die klassische Kosmetik arbeitet unter anderem mit Reinigung, Pflege, Massage und der gezielten Verbesserung des Hautbildes. Die apparative Kosmetik ergänzt diese Möglichkeiten durch Geräte und technische Verfahren.

Manchmal wird so getan, als müsste man sich für eine dieser Richtungen entscheiden, als gäbe es eine Rangliste mit einem Sieger und zwei Verlierern. Das entspricht nicht meiner Erfahrung. Auch klassische Kosmetik kann die Hautbarriere sehr gut unterstützen, und längst nicht jede Gerätebehandlung belastet die Haut. Die Grenze zwischen sinnvoll und zu viel verläuft nicht zwischen den Kategorien, sondern mitten durch jede einzelne davon.

Ich frage mich bei jedem Termin aufs Neue, was für diese Haut in diesem Moment sinnvoll ist. Die Antwort kann eine gründliche Reinigung mit Massage sein, eine barrierestärkende Pflege oder auch ein Gerät. Sie kann sich von Termin zu Termin ändern, weil sich auch die Haut verändert.

Mehr Behandlung bedeutet nicht automatisch mehr Wirkung

Es gibt Behandlungen, bei denen sehr intensiv gearbeitet wird. Die Haut wird stark abgetragen, gereizt oder so lange bearbeitet, bis sich deutliche Reaktionen zeigen. Manchmal habe ich den Eindruck, der sichtbare Schaden selbst sei zum Beweis geworden, dass eine Behandlung besonders wirkungsvoll war. Nach dieser Logik wäre ein Gesicht umso besser gepflegt, je röter es nach der Behandlung aus dem Salon kommt. Aber muss das wirklich sein?

Wenn ich ein Ergebnis erreichen kann, ohne die Haut unnötig zu belasten, sehe ich keinen Grund, aggressiver vorzugehen. Mit Zaghaftigkeit hat das nichts zu tun. Wer sein Handwerk versteht, muss nicht mit Gewalt beweisen, dass er etwas tut. Ein guter Friseur rasiert Ihnen schließlich auch nicht den Kopf, nur damit Sie ganz sicher merken, dass Sie beim Friseur waren.

Mein Maßstab ist ein Ergebnis, das man auch später noch sieht, und eine Haut, die auf dem Weg dorthin nicht unnötig kämpfen muss. An der Intensität des Brennens lässt sich weder das eine noch das andere ablesen.

Hautverletzungen sind für mich kein Behandlungsziel

Die Haut ist in erster Linie ein Schutzorgan. Wird sie verletzt, beginnt sie sofort mit Reparaturprozessen. Das ist sinnvoll und notwendig, kostet die Haut aber auch Arbeit. Gleichzeitig setzt eine Verletzung eine lokale Stressreaktion in Gang. Hautzellen können dabei unter anderem Cortisol bilden, und weitere Stressmediatoren beeinflussen die Wundheilung und die Regeneration.

Es gibt Verfahren, bei denen eine kontrollierte Verletzung ganz bewusst eingesetzt wird, damit die Haut mit Reparaturprozessen antwortet. In ausgewählten Fällen kann das sinnvoll sein und sollte entsprechend gezielt eingesetzt werden. Für mich ändert das aber nichts am Grundsatz: Nur weil sich die Haut regenerieren kann, muss man ihr diese Regeneration nicht ohne guten Grund abverlangen. Starke Rötungen, punktuelle Blutungen oder eine Haut, die sich nach einem Peeling großflächig abschält, sind für mich deshalb nicht automatisch Zeichen einer besonders wirksamen Behandlung.

Problematisch wird es vor allem dann, wenn die Haut immer wieder neue Reize bekommt, bevor sie sich vollständig erholen konnte. Eine geschwächte Hautbarriere hält äußere Stoffe weniger zuverlässig zurück. Reizstoffe und potenzielle Allergene können leichter in tiefere Bereiche der Epidermis gelangen und dort weitere Reaktionen auslösen.

An diesem Punkt kommen auch die Langerhans-Zellen ins Spiel. Sie sitzen in der Oberhaut und gehören zur Immunabwehr der Haut. Sie nehmen fremde Stoffe auf, präsentieren Bestandteile davon den T-Zellen und helfen dabei, die Immunreaktion zu steuern. Dabei geht es nicht nur darum, eine Abwehrreaktion auszulösen. Langerhans-Zellen tragen auch dazu bei, dass harmlose Stoffe toleriert werden und die Haut nicht auf jeden Kontakt mit einer Entzündung reagiert.

Wird die Hautbarriere jedoch immer wieder geschädigt, verändert sich dieses Zusammenspiel. Fremde Stoffe gelangen leichter in die Haut, geschädigte Hautzellen senden Entzündungssignale aus und das Immunsystem wird häufiger gefordert. Bei manchen Menschen kann dadurch auch eine Sensibilisierung gegenüber bestimmten Stoffen begünstigt werden. Das Immunsystem entwickelt dann ein Gedächtnis gegen diesen Stoff, und bei einem späteren Kontakt können bereits kleine Mengen ausreichen, um eine allergische Reaktion auszulösen. Duft- oder Konservierungsstoffe, die jahrelang problemlos vertragen wurden, können plötzlich zum Thema werden.

Nicht jede gereizte Haut entwickelt deshalb automatisch eine Allergie. Und auch die Formulierung, Langerhans-Zellen würden einfach „überreizt“, wäre zu kurz gegriffen. Entscheidend ist das Zusammenspiel von Hautbarriere, Hautzellen, Nerven und Immunabwehr.

Für mich liegt das eigentliche Problem deshalb oft bei zu viel und zu oft. Eine gezielte Behandlung mit ausreichend Erholungszeit ist etwas anderes als eine Haut, die Woche für Woche mit intensiven Peelings, Needling oder anderen starken Reizen konfrontiert wird. Wenn immer wieder nachgelegt wird, bevor die Haut die vorherige Behandlung verarbeitet hat, kann aus einer gewünschten Reaktion eine dauerhafte Irritation werden.

Das merkt man irgendwann auch außerhalb der Behandlung. Die Haut brennt schneller, wird trocken oder schuppig, reagiert empfindlich auf Produkte oder Temperaturwechsel und manchmal sogar auf leichte Berührung. Ich sehe außerdem Kundinnen und Kunden mit kleinen Narben oder Veränderungen des Hautreliefs, nachdem über längere Zeit immer noch etwas Neues ausprobiert wurde.

Spätestens dann muss eine Kosmetiker:in auch sagen dürfen, dass diese eine Behandlung für diese Haut im Moment nicht geeignet ist. Nur weil etwas technisch möglich oder bereits gebucht ist, muss man es nicht zwingend durchführen.

Auch bei Narben hilft nicht jede zusätzliche Verletzung

Besonders deutlich wird das bei Narben. Viele Menschen, die mit Aknenarben oder anderen Narben zu mir kommen, haben schon einiges hinter sich. Die Hoffnung ist verständlich, dass sich eine alte Narbe mit genug Intensität irgendwann einfach wegbehandeln lässt.

Wer bestehende Narben behandelt, sollte aber bedenken, dass jede neue Verletzung wieder einen Wundheilungsprozess auslöst. Bei entsprechender Veranlagung können hypertrophe Narben oder Keloide entstehen, also Narbengewebe, das über das ursprüngliche Verletzungsgebiet hinauswächst. Welche Rolle die persönliche und familiäre Veranlagung dabei spielt, habe ich in meinem Artikel „In meiner Ausbildung gab es nur eine Haut“ ausführlicher beschrieben. [LINK zum Artikel]

Meine Linie ist hier eindeutig. Eine Haut, die bereits mit einem Problem kämpft, muss nicht zusätzlich provoziert werden, wenn es eine schonendere Möglichkeit gibt. Geduld und ein behutsamer Weg bringen gerade bei Narben oft mehr als die nächste Runde Intensität.

Mein Micro Dermobooster™ zeigt, was ich unter apparativer Kosmetik verstehe

Wer bis hierher gelesen hat, könnte meinen, ich hätte grundsätzlich etwas gegen Geräte. Das stimmt so nicht. Ich arbeite selbst mit dem Micro Dermobooster™ von Sothys. Meine Behandlung damit kombiniert ein AHA-BHA-Peeling, Mikrodermabrasion sowie kosmetisches Microneedling, das flächig und punktuell eingesetzt werden kann. Weil dieses Verfahren mehrere Methoden kombiniert, prüfe ich genau, ob die Haut eine so intensive Gesichtsbehandlung im Moment wirklich braucht.

Den Micro Dermobooster™ setze ich gezielt ein, vor allem dann, wenn ich bei bestimmten Hautbildern mit anderen Methoden nicht ausreichend weiterkomme. Nur weil das Gerät in meiner Kabine steht, gehört es nicht automatisch zu jeder Behandlung. Ebenso wichtig ist, wie ich damit arbeite: Ich halte mich an das Behandlungsprotokoll und arbeite bewusst oberflächlich. Mein Ziel ist es, das Hautbild zu verfeinern und das Erscheinungsbild der Poren sichtbar zu verbessern, ohne die Haut unnötig zu verletzen. Dass ein Gerät technisch mehr könnte, ist für mich noch kein Grund, diese Möglichkeiten auch auszureizen.

Ein Gerät ist ein Werkzeug, nicht mehr und nicht weniger. Ein Skalpell macht noch keinen Chirurgen, und ein Micro Dermobooster™ alleine macht noch keine gute Behandlung. Über die Qualität entscheidet, warum, wann und wie man ihn einsetzt.

Es gibt Ausnahmen, und sie sollten Ausnahmen bleiben

Ich will nicht so tun, als gäbe es in der Kosmetik nur Schwarz und Weiß. Manche Hautbilder können intensivere Behandlungen sinnvoll machen, und ich schließe solche Verfahren nicht grundsätzlich aus. Der Unterschied liegt für mich darin, ob es einen konkreten Grund dafür gibt oder ob Intensität einfach zum Standard geworden ist.

Peelings sind dafür ein gutes Beispiel. Jede Haut kann von einem passend ausgewählten und richtig dosierten Peeling profitieren. Das bedeutet aber nicht, dass jede Haut ein intensives Peeling braucht. Auch beim Mikroneedling oder bei stärker abtragenden Verfahren wie die Mikrodermabrasion gilt für mich, dass die Intensität zur Haut passen muss. Wenn erste Ergebnisse nicht so schnell sichtbar werden, wie man es sich wünscht, ist noch mehr Reiz nicht automatisch die richtige Antwort.

Die Haut hat ihr eigenes Tempo. Ihre Erneuerung lässt sich unterstützen, aber nicht beliebig beschleunigen. Wer aus Ungeduld immer wieder nachlegt, riskiert eher Irritationen und eine gestörte Barriere als den gewünschten Fortschritt.

Botox und Hyaluron gehören für mich definitiv nicht dazu

Auch bei Botox und Hyaluron ist meine Position klar. Ich halte nichts davon, ein Toxin zu injizieren, um Muskeln gezielt ruhigzustellen. Ebenso wenig halte ich davon, Falten mit eingespritztem Füllmaterial aufzupolstern.

Für mich ist das keine Frage der richtigen Dosierung oder der passenden Indikation. Es gibt andere Wege, die Haut zu pflegen, ihr Erscheinungsbild zu verbessern und Alterungsprozesse zu begleiten, und mit diesen Wegen arbeite ich.

Das heißt selbstverständlich nicht, dass ich Kundinnen oder Kunden mit Botox oder Hyaluron nicht behandle. Ich muss nur wissen, was gemacht wurde, in welchem Bereich und wann. Solche Eingriffe können meine Behandlungsplanung und einzelne Methoden zeitweise einschränken, unmöglich machen sie eine kosmetische Behandlung aber nicht.

Und nicht zuletzt muss ein Gesicht für mich nicht aalglatt sein. Falten erzählen vom Lachen, von Sorgen und von einem gelebten Leben. Sie gehören dazu und müssen nicht um jeden Preis verschwinden. Mir ist ein Gesicht, das beim Lachen Falten wirft, allemal lieber als ein ausdrucksloses, starres Gesicht.

Wer mehr über meine Sicht auf Botox erfahren möchte, findet sie in meinem Beitrag dazu. [LINK zum Botox-Blog] Zum Thema Hyaluron gibt es außerdem bald ein Video. [LINK zum Hyaluron-Video]

Schönheit darf wirken, ohne zu leiden

Damit komme ich zurück zu dem Satz, mit dem dieser Artikel begonnen hat. Für mich ist eine gute Behandlung keine Mutprobe. Natürlich will ich Ergebnisse erreichen, und zwar sichtbare und nachhaltige. Ich will sie aber nicht dadurch, dass die Haut mehr aushalten muss als notwendig.

Meine Reihenfolge bleibt dieselbe. Ich sehe mir die Haut an und versuche sie zu verstehen. Ich schütze ihre Barriere und stabilisiere sie, wenn sie geschwächt ist. Erst danach entscheide ich gemeinsam mit meiner Kundin oder meinem Kunden, wie intensiv eine Behandlung sein darf.

Der Satz „Schönheit muss leiden“ darf deshalb gerne ein Sprichwort bleiben. In meiner Kabine muss niemand beweisen, wie viel seine Haut aushält.

Ihr Mario Goldinger

Sie möchten wissen, was Ihre Haut gerade braucht? Ich freue mich auf Sie in meinem Salon in Wien Margareten. [LINK zu Termin]

Quellen

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