Bräuchten wir auf der Alm noch Kosmetik?

Hellbraune Kuh liegt in einer sonnigen Wiese zwischen hohen Gräsern und Farnen und blickt nach rechts.

Was Wandern, Radfahren und ein Tretboot mit gesunder Haut zu tun haben.

Der Sommer geht langsam zu Ende, die Urlaubsfotos verschwinden nach und nach aus den Feeds und viele sind längst wieder im Alltag angekommen. Mein heuriger Urlaub wirkt trotzdem noch ein bisschen nach, auch weil ich einen großen Teil davon ziemlich konsequent draußen verbracht habe: Wandern, Radfahren, Natur, frische Luft und zwischendurch sogar Tretbootfahren. Letzteres klingt sportlicher, wenn man nicht dazusagt, wie gemütlich wir es angegangen sind.

Nach ein paar Tagen kam mir eine Frage, die vermutlich unter berufliche Deformation fällt: Wenn Bewegung, weniger Alltagsstress und eine weitgehend unbelastete Umgebung dem Körper guttun, was bedeutet das eigentlich für unsere Haut?

Und weitergedacht: Wenn wir dauerhaft in einer Umgebung mit sauberer Luft leben würden, uns ausreichend bewegen, vernünftig ernähren und all jene Dinge reduzieren würden, die unserem Körper nicht besonders guttun, bräuchten wir dann überhaupt noch Kosmetik? Oder sogar Kosmetikerinnen und Kosmetiker?

Natürlich gibt es hier keine kurze Antwort, denn Haut funktioniert ja nicht unabhängig von dem Leben, das wir führen.

Die Haut bekommt ziemlich viel von unserem Leben mit

Für die Summe all jener Einflüsse, denen unser Körper im Laufe des Lebens ausgesetzt ist, verwendet die Wissenschaft den Begriff Exposom. Auf die Haut bezogen gehören dazu beispielsweise Sonnenstrahlung, Luftverschmutzung, Klima, Temperatur, Rauchen, Ernährung, Stress, Schlaf und auch kosmetische Produkte. Unsere Haut ist schließlich unsere direkte Grenze zur Außenwelt und bekommt entsprechend einiges ab.

Dazu kommen Faktoren, die von innen wirken. Gene, Hormone, Erkrankungen, Medikamente und individuelle Stoffwechselprozesse beeinflussen ebenfalls, wie Haut aufgebaut ist, wie sie reagiert und wie sie sich im Laufe des Lebens verändert.

In meiner Ausbildung habe ich gelernt, dass rund 20 Prozent der Hautalterung genetisch bedingt seien und der große Rest durch äußere Faktoren entstehe. So schön sich solche Zahlen merken lassen, so vorsichtig sollte man damit umgehen. Neuere Übersichtsarbeiten zeigen zwar deutlich, dass genetische Faktoren eine Rolle spielen, eine allgemein gültige 20-zu-80-Aufteilung lässt sich daraus aber nicht ableiten. Unterschiedliche Merkmale wie Pigmentierung, Faltenbildung oder Elastizität werden auch unterschiedlich stark genetisch beeinflusst.

Und dann gibt es noch etwas, das bei solchen Aufzählungen gerne vergessen wird: Make-up. Auch dekorative Kosmetik kommt regelmäßig mit der Haut in Kontakt. Das bedeutet nicht, dass Make-up grundsätzlich schlecht für die Haut wäre. Produkt, Zusammensetzung, Hautzustand, Tragedauer und vor allem die Reinigung spielen dabei eine Rolle. Auch Pflegeprodukte selbst sind schließlich Teil dessen, womit wir unsere Haut täglich konfrontieren.

Ein Urlaub ist für die Haut kein Wellnessvertrag

Viel Bewegung, frische Luft und weniger beruflicher Stress klingen zunächst nach hervorragenden Voraussetzungen. Regelmäßige körperliche Aktivität kann unter anderem Durchblutung, Stoffwechsel und Stressregulation beeinflussen. Die Forschung zu direkten Auswirkungen von Bewegung auf die Haut ist noch vergleichsweise jung, weist aber durchaus auf positive Zusammenhänge hin.

Damit wäre die Sache eigentlich erledigt, wenn ein Urlaub nur aus Bewegung und Bergluft bestehen würde. In der Realität bringt ein Ortswechsel jedoch noch einiges mehr mit sich.

Im Urlaub wird anders gegessen, vielleicht mehr Alkohol getrunken, später geschlafen und die gewohnte Pflegeroutine etwas lockerer genommen. Dazu kommen Wind, andere Temperaturen, veränderte Luftfeuchtigkeit, Schweiß und längere Aufenthalte im Freien. Eine Haut kann nach zwei Wochen Urlaub wunderbar aussehen. Sie kann aber genauso trocken, irritiert oder unreiner sein als vorher.

Auch Jahreszeiten spielen dabei eine Rolle. Untersuchungen zeigen beispielsweise Veränderungen von Hautfeuchtigkeit und Talgproduktion zwischen Sommer und Winter. Eine Pflegeroutine, die im Februar hervorragend funktioniert, muss daher nicht automatisch im August genauso passend sein.

Und natürlich gehört auch die Sonne in dieses Gesamtbild, ohne dass sie zum Hauptthema werden muss. Mit zunehmender Höhe wird die Atmosphäre dünner und absorbiert weniger UV-Strahlung. Als grober Richtwert nimmt die UV-Belastung pro 1.000 Höhenmeter um etwa zehn Prozent zu. Wer mehrere Stunden wandert oder mit dem Rad unterwegs ist, verbringt außerdem schlicht länger im Freien. Wolken oder angenehm kühle Bergluft können dabei täuschen, weil UV-Strahlung weder als Wärme noch unmittelbar auf der Haut wahrgenommen wird.

Die Natur ist also kein Reinraum für die Haut. Sie verändert lediglich die Art der Einflüsse.

Freie Radikale sind komplizierter als ihr Ruf

Wenn von Umweltbelastungen und Haut gesprochen wird, dauert es meistens nicht lange, bis freie Radikale auftauchen. Freie Radikale klingen ein bisschen wie eine politische Untergrundbewegung, biologisch sind sie allerdings zunächst einmal etwas völlig Normales.

Reaktive Sauerstoffverbindungen entstehen laufend im Stoffwechsel unserer Zellen. Sie erfüllen in begrenzter Menge wichtige Aufgaben, etwa bei der Zellkommunikation, bei Immunreaktionen und bei verschiedenen Regulationsprozessen. Unser Körper ist ihnen also nicht hilflos ausgeliefert. Enzyme und körpereigene Antioxidantien sorgen laufend dafür, dass ein Gleichgewicht erhalten bleibt.

Ungemütlich wird es, wenn dieses Gleichgewicht kippt. Entstehen über längere Zeit mehr reaktive Verbindungen, als die vorhandenen Schutzsysteme neutralisieren können, spricht man von oxidativem Stress. Dazu können unter anderem UV-Strahlung, Luftschadstoffe, Rauchen und entzündliche Prozesse beitragen.

Für die Haut ist das relevant, weil reaktive Sauerstoffverbindungen mit unterschiedlichen Strukturen reagieren können. Betroffen sein können beispielsweise Lipide der Zellmembranen, Proteine oder Bestandteile der Zellen. In der Haut kann ein dauerhaftes Übermaß dadurch Entzündungsreaktionen fördern, die Barrierefunktion beeinträchtigen und Regenerationsprozesse stören. Auch bestimmte Hauterkrankungen werden mit oxidativem Stress in Verbindung gebracht.

Damit wird auch klar, warum ich freie Radikale nicht ausschließlich mit Hautalterung verbinden würde. Sichtbare Alterungsprozesse gehören dazu, aber eine funktionierende Hautbarriere, Entzündungsregulation und die Fähigkeit der Haut, sich nach Belastungen wieder zu stabilisieren, sind für gesunde Haut mindestens genauso interessant.

Gesunde Haut muss nicht faltenfrei sein

Bei all diesen Themen möchte ich einen Punkt nicht aus den Augen verlieren. Mein Ziel ist gesunde Haut und nicht die Illusion, dass Haut mit 50 aussehen sollte wie mit 20.

Falten gehören zu einer Haut, die älter wird, und müssen deshalb nicht automatisch als Problem behandelt werden. Eine gepflegte Falte auf einer gesunden, gut versorgten Haut kann für mich wesentlich schöner aussehen als eine trockene und irritierte Haut, die auf Biegen und Brechen möglichst faltenfrei gehalten werden soll.

Gesunde Haut soll vor allem funktionieren. Ihre äußerste Barriere schützt uns davor, dass zu viel Wasser verloren geht, und gleichzeitig vor zahlreichen Einflüssen von außen. Sie produziert Talg, reguliert ihren Feuchtigkeitshaushalt, erneuert laufend Zellen und beherbergt ein komplexes Mikrobiom, das ebenfalls Teil dieses Schutzsystems ist.

Auch Immunreaktionen gehören dazu. Haut muss auf Reize und mögliche Krankheitserreger reagieren können, ohne bei jeder Kleinigkeit dauerhaft in einen Entzündungszustand zu geraten. Gleichzeitig sollte sie sich nach Belastungen wieder erholen und kleine Schäden reparieren können.

Deshalb kann eine Haut äußerlich glatt wirken und trotzdem aus dem Gleichgewicht sein. Sie kann spannen, zu trocken sein, übermäßig fetten, irritiert reagieren oder eine geschwächte Barriere haben. Umgekehrt können Falten, Poren oder Pigmentunterschiede sichtbar sein, obwohl die Haut ihre Aufgaben hervorragend erfüllt.

Und natürlich ist Haut weiterhin Teil des gesamten Körpers. Hormone, Erkrankungen, Medikamente, Ernährung, Stress und Schlaf können ihren Zustand beeinflussen. Hautgesundheit ausschließlich über die Oberfläche oder über möglichst wenige sichtbare Falten zu definieren, wäre mir daher deutlich zu wenig.

Was wäre nun mit der perfekten Alm?

Machen wir das Gedankenexperiment vollständig.

Ein Mensch lebt in sauberer Luft, bewegt sich regelmäßig, schläft ausreichend, ernährt sich ausgewogen, raucht nicht, trinkt keinen oder nur sehr wenig Alkohol und nimmt keine Drogen. Chronischer Stress hält sich in Grenzen, und mit längerer Sonnenexposition geht dieser Mensch ebenfalls vernünftig um.

Würde diese Haut automatisch gesund bleiben und keinerlei Kosmetik mehr benötigen?

Das wäre schön, aber die Biologie spielt nicht ganz mit.

Auch unter hervorragenden Lebensbedingungen produziert Haut Talg und Schweiß. Sie verliert Wasser, bildet Hornzellen, verändert sich hormonell und reagiert auf Temperatur und Luftfeuchtigkeit. Sie kommt mit Staub, Schmutz, Sonnenschutz und gegebenenfalls Make-up in Kontakt. Genetik und individuelle Hautzustände verschwinden ebenfalls nicht, nur weil vor dem Fenster eine Kuh statt eines Autobusses vorbeizieht.

Selbst eine gesunde Haut ist außerdem kein statischer Zustand. Sie verändert sich mit dem Alter, mit Jahreszeiten und Hormonen und kann auf Medikamente, Krankheiten oder Veränderungen im Lebensstil reagieren. Was ihr heute guttut, muss deshalb nicht automatisch in fünf Jahren oder auch nur im nächsten Winter noch identisch sein.

Eine gesunde Umgebung kann viele Belastungen reduzieren. Sie übernimmt aber weder die Reinigung noch kennt sie den aktuellen Zustand der Haut.

Vielleicht würden wir weniger Kosmetik brauchen

Diese Möglichkeit finde ich wesentlich interessanter als die Behauptung, jeder Mensch brauche möglichst viele Produkte.

Eine gesunde Haut muss nicht permanent mit neuen Wirkstoffen beschäftigt werden. Mehr ist bei Kosmetik keineswegs automatisch besser. Eine sinnvolle Reinigung, ausreichende Feuchtigkeit, Unterstützung der Hautbarriere und Schutz vor relevanten Belastungen bilden für viele Hautzustände eine wesentlich bessere Grundlage als ein Badezimmer voller halb verwendeter und eventuell abgelaufener Seren.

Was sinnvoll ist, kann sich allerdings verändern.

Eine Creme kann über längere Zeit hervorragend passen. Im Sommer kommt möglicherweise ein entsprechender Lichtschutz dazu. Bei Seren und intensiveren Wirkstoffprodukten halte ich es dagegen für sinnvoll, ungefähr alle drei bis sechs Monate wieder zu prüfen, ob sie noch zum aktuellen Hautzustand passen.

Diese drei bis sechs Monate sind kein wissenschaftliches Ablaufdatum für ein Serum. Sie sind ein praktischer Richtwert. Wenn sich die Haut vorher verändert, sollte man früher reagieren. Wenn ein Produkt weiterhin hervorragend passt, muss es nicht aus Prinzip ersetzt werden.

Die Frage sollte also nicht lauten, wie viele Produkte eine gute Hautpflege ausmachen. Interessanter ist, was diese konkrete Haut zu diesem Zeitpunkt benötigt.

Eine Hautdiagnose ist keine einmalige Angelegenheit

Damit kommen wir zur zweiten Hälfte meines Gedankenexperiments. Würde man unter perfekten Bedingungen noch eine Kosmetikerin oder einen Kosmetiker benötigen?

Wenn professionelle Kosmetik lediglich bedeuten würde, jemandem Cremes ins Gesicht zu streichen, könnte man darüber diskutieren.

Für mich beginnt sie aber früher.

Eine Hautdiagnose gehört nicht nur zum ersten Termin. Auch bei einer Kundin oder einem Kunden, den man seit Jahren kennt, sollte die Haut bei jeder Behandlung wieder angesehen werden. Seit dem letzten Termin kann Winter geworden sein, eine hormonelle Veränderung stattgefunden haben, ein Medikament neu dazugekommen sein oder eben ein Urlaub dazwischengelegen haben.

Dabei geht es nicht nur darum, offensichtliche Veränderungen zu bemerken. Feuchtigkeit, Talgproduktion, Verhornung, Empfindlichkeit und der Zustand der Hautbarriere können sich verändern, ohne dass die gesamte Haut plötzlich vollkommen anders aussieht. Eine Behandlung, die vor sechs Monaten richtig war, muss deshalb heute nicht mehr automatisch die beste Wahl sein.

Eine gute Behandlung folgt nicht jedes Mal demselben Ablauf, nur weil beim letzten Termin alles gepasst hat.

Auch ein Urlaub lässt sich aus dieser Sicht sinnvoll begleiten. Vorher kann geprüft werden, ob die aktuelle Pflege zu Sonne, Wind, Klima und längeren Aufenthalten im Freien passt. Nach der Rückkehr lässt sich feststellen, ob die Haut trockener geworden ist, stärker verhornt, irritiert reagiert oder zu Unreinheiten neigt. Erst danach ergibt sich, was tatsächlich ausgeglichen werden sollte.

Langfristige kosmetische Begleitung bedeutet für mich nicht, ein einmal gefundenes Programm jahrelang zu wiederholen. Sie bedeutet, Veränderungen wahrzunehmen und immer wieder neu darauf zu reagieren.

Kosmetik darf außerdem einfach guttun

Bei der ganzen Diskussion über Barrierefunktion, Talg, oxidative Prozesse und Wirkstoffe kann leicht etwas verloren gehen, das zu einer professionellen Behandlung ebenfalls gehört.

Menschen legen sich für eine gewisse Zeit hin und geben Verantwortung ab. Sie müssen nichts organisieren, keinen Termin koordinieren und für einen Moment auch niemandem antworten. Dazu können angenehme Musik, Düfte, eine Massage und manchmal ein gutes Gespräch kommen.

Ich würde eine kosmetische Behandlung deshalb niemals als Therapie bezeichnen. Das ist sie nicht. Sie kann aber sehr wohl eine bewusste Auszeit sein, in der jemand zur Ruhe kommt und sich um sich selbst kümmert.

Auch das ist ein legitimer Grund, zu einem Kosmetiker oder einer Kosmetikerin zu gehen. Nicht alles muss erst ein Problem sein, bevor man sich darum kümmern darf.

Also, bräuchten wir auf der Alm noch Kosmetik?

Meine Antwort fällt weniger spektakulär aus, als die Frage vermuten lässt: Wahrscheinlich ja, aber möglicherweise weniger.

Eine gesunde Lebensweise, Bewegung, ausreichend Schlaf, eine möglichst geringe Belastung durch Schadstoffe und ein vernünftiger Umgang mit dem eigenen Körper schaffen gute Voraussetzungen. Sie können eine passende Hautpflege unterstützen, aber sie ersetzen sie nicht.

Und eine gute Hautpflege beginnt für mich ohnehin nicht beim Serum. Sie beginnt mit der Frage, wie es der Haut gerade geht und unter welchen Bedingungen sie lebt.

Mein Urlaub hat mir dabei jedenfalls eines bestätigt: Wandern und Radfahren sind eine wunderbare Idee, und selbst das Tretboot hat seinen Platz gefunden. Meine Gesichtspflege bleibt trotzdem im Kulturbeutel.

Ihr Mario Goldinger

Quellen

Krutmann J. et al.: Skin aging exposome. Der Hautarzt, 2023.

Lee Y. et al.: Genetic determinants of skin ageing: a systematic review and meta-analysis of genome-wide association studies and candidate genes, 2025.

Tiwari S. et al.: The Effects of Physical Activity on Skin Health: A Narrative Review, 2025.

WHO: Ultraviolet radiation. Informationen zu UV-Strahlung und dem Einfluss der Höhenlage.

Vyumvuhore R. et al.: Seasonal variations in skin parameters of women from Central Europe. Skin Research and Technology, 2021.

Reactive Oxygen Species and Antioxidant System in Selected Skin Disorders, 2023.

Role of reactive oxygen species in ultraviolet-induced photodamage of the skin, 2024.