In meiner Ausbildung gab es nur eine Haut

Sechs Papierprofile in unterschiedlichen Hauttönen symbolisieren Vielfalt: Hautfarbe ist kein Hauttyp.

Ich habe meine Lehre mit fünfzehn Jahren begonnen und in dieser Zeit eine Menge gelernt. Über Anatomie, über Wirkstoffe, über Hautschichten und über die Frage, wie man eine Haut liest, bevor man sie behandelt. Eines habe ich damals allerdings nicht gelernt, und aufgefallen ist es mir erst viele Jahre später. In den Unterlagen, aus denen ich gelernt habe, war die abgebildete Haut fast immer weiß und eurozentrisch geprägt.

Die Schemazeichnungen, die Beispielfotos, die Hautbilder, an denen wir Reaktionen besprochen haben, all das zeigte nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit. Das ist kein Vorwurf an einzelne Lehrende, sondern ein Hinweis auf eine Lücke, die viel weiter zurückreicht. Große Teile der dermatologischen und kosmetischen Fachliteratur wurden über Jahrzehnte überwiegend an weißen Menschen entwickelt, fotografiert und beschrieben, aus einer eurozentristisch geprägten Perspektive. Wer damit lernt, lernt nichts Falsches. Man lernt nur nicht alles.

Aufgefallen ist mir diese Lücke dort, wo Lücken immer auffallen, nämlich in der Praxis. Vor mir saßen im Lauf der Jahre immer wieder Menschen, deren Haut ich behandeln sollte, und jedes Mal standen dieselben Fragen im Raum, auf die mir meine Ausbildung keine Antwort gegeben hatte.

  • Reagiert stärker pigmentierte Haut anders auf Verletzungen?
  • Was genau verändert der Melaningehalt an der Reaktion auf UV-Strahlung?
  • Gibt es Unterschiede bei Kollagen, Elastin und im Aufbau der Dermis?
  • Zeigt sich Hautalterung sichtbar unterschiedlich?
  • Wie ernst muss ich Pigmentverschiebungen und Narbenneigung nehmen, wenn ich mit Needling oder Säuren arbeite?
  • Und welche dieser vermeintlichen Unterschiede sind überhaupt wissenschaftlich belegt?

Für diesen Beitrag habe ich sehr viel gelesen. Was ich gefunden habe, war spannender als erwartet, weil ein Teil der Antworten klar ausfällt, ein zweiter Teil widersprüchlich bleibt und ein dritter Teil schlicht fehlt. Genau so schreibe ich es hier auch auf, denn alles andere würde ich mir selbst nicht abkaufen.

Eines möchte ich vorwegnehmen. Nicht die Haut meiner Kundschaft war die Ausnahme. Mein Lehrbuch hatte nur einen Teil der Wirklichkeit abgebildet.

Die Hautfarbe ist kein Hauttyp

Bevor es um Melanosomen, Kollagenfasern und Narbenrisiko geht, muss ich einen Begriff klären, der in meiner Branche regelmäßig für etwas gehalten wird, das er nicht ist.

Pigmentierung verläuft fließend, sie folgt keiner Ländergrenze und sie lässt sich nicht in eine Handvoll biologischer und kultureller Kategorien pressen. Rassifizierte Begriffe wie afrikanische, asiatische oder europäische Haut sind für eine fachliche Aussage viel zu grob oder schlicht falsch. Schon innerhalb einzelner Regionen und Bevölkerungsgruppen unterscheiden sich Hautfarbe und messbare Hautparameter erheblich, oft stärker als zwischen den Gruppen, die man einander gerne gegenüberstellt.

Ich schreibe deshalb von stärker oder weniger stark pigmentierter Haut, von höherem oder niedrigerem Melaningehalt und von den konkret untersuchten Bevölkerungsgruppen, wenn eine Studie genau diese verglichen hat. Das ist schlicht die genauere Beschreibung dessen, was in den Studien tatsächlich gemessen wurde.

Die Fitzpatrick-Skala richtig einordnen

Die Fitzpatrick-Skala ist in meiner Branche allgegenwärtig, und sie wird regelmäßig für Dinge herangezogen, für die sie nie gedacht war. Entwickelt wurde sie in den Siebzigerjahren, um in der Lichttherapie die richtige UV-Dosis abschätzen zu können. Sie beschreibt im Kern zwei Reaktionen, nämlich wie schnell eine Haut einen Sonnenbrand bekommt und wie sie bräunt.

Nicht beschrieben werden dagegen der Kollagengehalt, das Elastin, die Talgproduktion, die Hautdicke, die Umweltbedingungen, unter denen jemand lebt, und die individuelle Narbenneigung. Ein Fragebogen, der wissen wollte, wie lange jemand ohne Sonnenbrand in der Mittagssonne stehen kann, ist über die Jahre zu einer Art Persönlichkeitstest der Kosmetikbranche geworden. Hilfreich bleibt die Skala dort, wo es um UV-Belastung und um bestimmte ästhetische Verfahren geht. Ein biologischer Menschenkatalog ist sie nicht. Die Hautfarbe kann für eine Behandlung eine Rolle spielen, eine Hautdiagnose ersetzt sie deshalb noch lange nicht.

Was an unserer Haut gleich ist und was sich unterscheiden kann

Räumen wir zuerst mit dem hartnäckigsten Missverständnis auf, das mir in Gesprächen begegnet.

Melanozyten und die Frage der Menge

Menschen mit stärker pigmentierter Haut besitzen nicht einfach mehr Pigmentzellen. Die Zahl der Melanozyten ist grundsätzlich vergleichbar, unabhängig davon, wie dunkel eine Haut erscheint. Der Unterschied liegt in den Melanosomen, also in jenen kleinen Einheiten, in denen das Pigment gebildet und gespeichert wird.

Beschrieben werden dort Unterschiede in der Größe, in der Verteilung, in der Pigmentmenge, in der Organisation innerhalb der Zellen und in der Abbaugeschwindigkeit. Das klingt nach einem Detail für Fachleute, hat aber sehr praktische Folgen, sobald diese Haut gereizt oder verletzt wird. Es sind also nicht mehr Pigmentzellen, sondern anders organisiertes Pigment.

Epidermis und Hornschicht

Zur Dicke der Epidermis liefert die Forschung kein einheitliches Bild. Einige Untersuchungen finden Unterschiede zwischen den verglichenen Gruppen, andere finden keine, die statistisch bedeutsam wären. Das liegt vor allem daran, dass Körperregion, Alter, Messverfahren und die konkret untersuchte Gruppe das Ergebnis erheblich beeinflussen. Eine Messung an der Innenseite des Unterarms sagt eben wenig über die Wange aus.

Für die Hornschicht gibt es dagegen Hinweise auf eine unterschiedliche Zahl und Anordnung der Zelllagen, auf eine unterschiedlich starke Kohäsion, also den Zusammenhalt dieser Lagen, und auf Unterschiede bei der mechanischen und chemischen Belastbarkeit.

Der Grundaufbau unserer Haut ist derselbe. Wie einzelne Strukturen organisiert sind und wie sie auf Belastung reagieren, kann sich jedoch unterscheiden.

Unter der Oberfläche, wo es interessant wird

In der Dermis geht es weniger um die simple Frage, welche Haut dicker oder dünner ist, als um ihre Struktur und ihre Aktivität.

Beschrieben wurden in Vergleichsstudien unter anderem Unterschiede bei der Zahl und der Aktivität von Fibroblasten, bei der Architektur der dermalen Fasern, an der Grenzzone zwischen Dermis und Epidermis und bei den elastischen Fasern. Eine Arbeitsgruppe beschrieb bei den untersuchten Personen mit stärker pigmentierter Haut eine kompaktere, dichter organisierte Dermis, während andere Untersuchungen bei der reinen Dicke der Dermis keinen relevanten Unterschied fanden.

Bei der Dermis scheint also nicht ihre Dicke entscheidend zu sein, sondern wie ihre Strukturen aufgebaut sind und wie aktiv das Bindegewebe arbeitet.

Kollagen ist eine Frage der Architektur

Die Frage, welche Haut angeblich mehr oder weniger Kollagen besitzt, ist beliebt und trotzdem falsch gestellt. Die Forschung zeigt vor allem Unterschiede bei der Fibroblastenaktivität, bei der Anordnung und Dichte der Fasern, beim UV-bedingten Abbau und bei der Frage, wie sich diese Strukturen im Alter verändern.

In einer aktuellen Vergleichsstudie wurde bei den als „Asian“ klassifizierten Teilnehmerinnen ein dichteres und stärker vernetztes dermales Fasernetzwerk gefunden als bei den als „Caucasian“ klassifizierten Teilnehmerinnen. Andere Untersuchungen fanden bei der direkt gemessenen Kollagendichte keine bedeutsamen Unterschiede. Die Datenlage spricht damit eher für Unterschiede in Aufbau, Organisation und Alterungsdynamik als für einen simplen Mengenvergleich zwischen Hautgruppen.

Elastin, ein ähnliches Bild

Bei den elastischen Fasern und ihrer Reaktion auf UV-Strahlung wurden ebenfalls Unterschiede gefunden. Bei den Teilnehmenden, die diese Studie als afroamerikanisch beschreibt, fand eine Arbeitsgruppe gegenüber den weißen Vergleichsgruppen eine höhere Tropoelastin-Expression, einen höheren Elastinfasergehalt in lichtgeschützter Haut und einen geringeren UV-bedingten Verlust bestimmter elastischer Strukturen.

Gleichzeitig ist die Datenlage nicht für alle Bevölkerungsgruppen gleich gut. Eine aktuelle große Untersuchung mehrerer Gruppen auf dem asiatischen Kontinent zeigt zudem erhebliche Unterschiede zwischen Korea, Vietnam, Thailand und Indonesien. Wer daraus eine allgemeine Eigenschaft einer angeblich einheitlichen asiatischen Haut ableiten möchte, hat bereits vier Ergebnisse gegen sich. Je genauer die Forschung hinsieht, desto schlechter funktionieren die großen Hautkategorien.

Warum sichtbare Hautalterung unterschiedlich aussehen kann

Jetzt wird es für die Kabine unmittelbar relevant, denn hier verbindet sich die Struktur der Haut mit dem, was Menschen im Spiegel sehen und was sie zu mir führt.

Studien zeigen, dass sich Zeitpunkt, Ausprägung und Verteilung sichtbarer Falten zwischen den untersuchten Gruppen unterscheiden können. Bei stärker pigmentierter Haut wurden im Durchschnitt später auftretende UV-bedingte Falten beschrieben, eine weniger ausgeprägte solare Elastose und später sichtbare tiefe Falten. Bei mehreren ostasiatischen Gruppen wurden bestimmte Faltenzeichen ebenfalls im Mittel später beobachtet als in den weißen Vergleichsgruppen, wobei sich auch Lokalisation und Muster der Falten unterschieden.

Wichtig ist mir der zweite Teil dieser Geschichte, denn Hautalterung zeigt sich nicht nur als Falte. Bei stärker pigmentierter Haut fallen andere Zeichen oft deutlich stärker ins Gewicht, etwa eine ungleichmäßige Pigmentierung, einzelne Pigmentflecken, dunkle Stellen nach Entzündungen sowie Veränderungen von Volumen und Weichteilen.

Wer nur nach Falten sucht, übersieht bei manchen Hautbildern genau das, was diese Menschen tatsächlich stört. Ich frage deshalb immer, was jemanden im Spiegel am meisten beschäftigt, statt es zu vermuten.

Hyaluronsäure, hier wissen wir erstaunlich wenig

Über Hyaluronsäure wird in meiner Branche viel gesprochen. Zur Frage, ob sich ihr Gehalt in der Haut systematisch mit der Pigmentierung unterscheidet, gibt es derzeit keine ausreichend belastbaren Vergleichsdaten. Untersucht wurde vor allem der Einfluss von Alter und Körperregion, und das deutlich besser als der Einfluss von Pigmentierung.

Ich hätte an dieser Stelle gerne mehr geschrieben. Es gibt nicht zu jedem Unterschied, der in der Kosmetik behauptet wird, auch eine wissenschaftliche Grundlage.

Der natürliche UV-Schutz ist real und trotzdem begrenzt

Ein höherer Gehalt an Eumelanin bedeutet tatsächlich einen messbaren Schutz. Mehr UV-Strahlung wird absorbiert und gestreut, weniger Strahlung erreicht die tieferen Hautschichten und einzelne Zeichen der Lichtalterung bilden sich langsamer aus.

In der Literatur werden dafür Größenordnungen von etwa Lichtschutzfaktor 3 bei helleren Phototypen und etwa Lichtschutzfaktor 13 bei stärker pigmentierten Phototypen genannt. Das ist ein realer Vorteil, und es ist trotzdem kein Sonnenschutz. Mit Lichtschutzfaktor 13 würde ich niemanden an einen Strand schicken, und mit ungeschützter Haut schon gar nicht.

Stärker pigmentierte Haut kann weiterhin UV-Schäden entwickeln, Pigmentveränderungen bekommen, lichtbedingt altern und Hautkrebs ausbilden. Der letzte Punkt ist besonders ernst zu nehmen, weil Hautkrebs bei stärker pigmentierter Haut häufig später erkannt wird, was die Prognose deutlich verschlechtert. Gerade bei stärker pigmentierter Haut können sich auffällige Veränderungen anders zeigen und dadurch leichter übersehen werden. Umso wichtiger sind Diagnosekriterien und Vergleichsbilder, die diese Unterschiede berücksichtigen. Der natürliche Schutz verändert also einiges, ein Ersatz für Sonnenschutz ist er deshalb noch lange nicht.

Auch sichtbares Licht spielt eine Rolle

Lange übersehen wurde dabei das sichtbare Licht, das besonders bei stärker pigmentierter Haut langanhaltende Pigmentreaktionen auslösen kann. Bei allen Menschen, die zu Pigmentverschiebungen neigen, unabhängig davon wie stark ihre Haut pigmentiert ist, reicht ein reiner UV-Schutz deshalb nicht immer aus. Getönte Lichtschutzprodukte mit Eisenoxiden bieten hier einen zusätzlichen Schutz, weil die Pigmente einen Teil des sichtbaren Lichts abfangen. Mehr dazu in einem eigenen Beitrag, sonst wird dieser hier zum Sonnenschutzratgeber.

Wenn die Haut verletzt wird

Damit sind wir bei dem Abschnitt, der für meine tägliche Arbeit die größte Rolle spielt.

Postinflammatorische Hyperpigmentierung

Wenn stärker pigmentierte Haut eine Entzündung erlebt, reagiert sie häufiger mit einer Pigmentverschiebung. Ausgelöst werden kann das durch Akne, jede andere Entzündung, mechanische Irritation, Peelings, Needling, Laser und Verletzungen aller Art.

Ein Pickel heilt in zwei Wochen ab. Der dunkle Fleck, den er hinterlässt, kann viele Monate bleiben und beschäftigt die Betroffenen oft weit mehr als der Pickel selbst. Genau deshalb ist eine zu forsche Behandlung hier besonders teuer erkauft.

Nicht das Melanin ist bei einer solchen Haut das Problem. Entscheidend ist, unnötige Entzündungsreize zu vermeiden, und das betrifft meine Arbeit in der Kabine genauso wie die Pflege zu Hause.

Keloide und was sie wirklich vorhersagt

Die aktuelle Forschung zeigt statistische Unterschiede in der Häufigkeit von Keloiden zwischen den untersuchten Bevölkerungsgruppen. Gegen die Vorstellung, die Pigmentierung selbst sei die Ursache, spricht allerdings ein bemerkenswerter Befund. Bei Menschen mit Albinismus war die Keloidhäufigkeit in den dazu vorliegenden Untersuchungen trotz sehr geringer Pigmentierung nicht bedeutsam niedriger.

Relevanter sind aller Wahrscheinlichkeit nach eine genetische Veranlagung, die Aktivität der Fibroblasten, die Signalwege der Wundheilung, die Familiengeschichte, die eigene Narbengeschichte sowie Ort und Art der Verletzung. Die persönliche Narbengeschichte ist damit erheblich aussagekräftiger als die Hautfarbe alleine.

Was ich vor intensiveren Behandlungen deshalb frage, ist wenig aufregend und sehr wirksam.

  • Gab es nach Piercings auffällige Narben?
  • Wie sind Narben nach Operationen verheilt?
  • Was ist nach Akne zurückgeblieben?
  • Gab es nach Impfungen auffällige Stellen?
  • Sind Keloide in der Familie bekannt?

Und was bedeutet das für Microneedling?

Stärker pigmentierte Haut ist vom Microneedling nicht grundsätzlich ausgeschlossen. Für die Phototypen IV bis VI gilt das Verfahren nach aktueller Literatur als einsetzbar, sofern die Rahmenbedingungen stimmen.

Berücksichtigt werden müssen die persönliche Keloidgeschichte, die familiäre Narbenneigung, frühere Pigmentverschiebungen nach Entzündungen, ein aktuell entzündeter Hautzustand, die gewählte Behandlungsintensität, die Nadeltiefe und die individuelle Reaktion der Haut während und nach der Behandlung. Keloide entstehen dort, wo die Haut verletzt wurde. Ein pauschales Verbot invasiverer Verfahren allein aufgrund der Hautfarbe lässt sich daraus nicht ableiten. Die Frage lautet deshalb nicht, ob diese Haut Needling darf, sondern ob Needling bei dieser Haut und dieser Vorgeschichte sinnvoll ist, so wie man das bei jeder Kundschaft hinterfragen sollte.

Talg, Feuchtigkeit und Barriere sind weniger eindeutig als gedacht

Hier wird die Studienlage endgültig unübersichtlich, und ich halte das für eine gute Nachricht, weil sie vor voreiligen Schlüssen schützt.

Einzelne Studien finden höhere Talgmengen bei bestimmten untersuchten Gruppen, Unterschiede in der Zusammensetzung der Lipide und deutliche Unterschiede zwischen verschiedenen Gruppen auf dem asiatischen Kontinent. Andere Studien bestätigen genau diese Unterschiede nicht. Aus der Hautfarbe lässt sich also nicht zuverlässig ableiten, wie viel Talg eine Haut produziert.

Ähnlich sieht es bei Feuchtigkeitsbindung und Hautbarriere aus. Widersprüchliche Befunde gibt es zum transepidermalen Wasserverlust, zur Hydration der Hautoberfläche, zum Ceramidgehalt und zur Erholung der Barriere nach einer Belastung. Teilweise erscheint stärker pigmentierte Haut mechanisch sehr robust, während gleichzeitig niedrigere Ceramidwerte und trockene, schuppende Haut beschrieben wurden.

Das ist kein Widerspruch, sondern ein Hinweis darauf, dass wir zwei verschiedene Dinge messen. Mechanische Stabilität und Wasserhaushalt sind unterschiedliche Eigenschaften und müssen es nicht gemeinsam gut oder schlecht meinen. Ob eine Haut trocken, fettig oder barrieregestört ist, stelle ich deshalb an dieser Haut fest und leite es nicht aus ihrer Farbe ab.

Empfindlichkeit passt ebenfalls in keine Schublade

In bestimmten Vergleichsstudien reagierten ostasiatische Teilnehmende stärker auf standardisierte Reizstoffe wie Natriumlaurylsulfat, Milchsäure und Capsaicin. Auch unerwünschte Reaktionen auf Kosmetika wurden in diesen Gruppen häufiger berichtet.

Daraus folgt allerdings nicht, dass eine bestimmte Herkunft eine empfindliche Haut bedeutet. Es zeigt vor allem, dass sogar die scheinbar einfache Kategorie empfindliche Haut nicht an Hautfarbe oder Herkunft festzumachen ist. Für die Behandlung zählt am Ende die Reaktion des Menschen, der gerade vor mir liegt.

Was ich deshalb vor einer Behandlung wissen möchte

An dieser Stelle wechseln wir von der Forschung in meine Kabine. Was mich vor einer Behandlung interessiert, ist nicht die Herkunft eines Menschen. Es sind fünf ganz konkrete Bereiche.

Die Pigmentierung dieser Haut. Wie stark ist die Haut tatsächlich pigmentiert, wie reagiert sie auf Sonne und gibt es bereits bestehende Pigmentverschiebungen?

Die Reaktion auf Entzündungen. Entstehen nach Pickeln oder kleinen Verletzungen rasch dunkle Flecken und wie lange bleiben diese sichtbar?

Die bisherige Geschichte der Narben. Gab es Keloide, hypertrophe Narben oder auffällige Narben nach Operationen, Piercings und Verletzungen, und ist in der Familie etwas Vergleichbares bekannt?

Der Zustand der Hautbarriere. Ist die Haut trocken, gereizt, schuppend oder aktuell entzündet?

Vorbehandlungen und verwendete Produkte. Was wurde zuletzt verwendet, insbesondere Säuren, Retinoide, aufhellende Produkte, Laser und Needling, und werden Medikamente eingenommen, die lichtempfindlich machen?

Diese fünf Bereiche sind die praktische Antwort auf einen großen Teil der biologischen Unterschiede, die ich weiter oben beschrieben habe. Sie kosten ein paar Minuten im Erstgespräch und ersparen uns beiden mögliche Missverständnisse und unnötige Überraschungen.

Was sich dadurch in der Kabine ändert

Keine Behandlungstabelle nach Hautfarbe, sondern sechs Prinzipien, die sich bei mir bewährt haben.

Erstens, nicht nach angenommener Herkunft behandeln. Ich behandle nicht nach angenommener Herkunft. Die Pigmentierung berücksichtige ich, eine Behandlung leite ich daraus aber nicht ab.

Zweitens, das Risiko für Pigmentflecken ernst nehmen. Je stärker eine Haut nach Entzündungen zu Pigmentverschiebungen neigt, desto kontrollierter arbeite ich, desto vorsichtiger dosiere ich und desto konsequenter kläre ich über den Lichtschutz danach auf.

Drittens, die Narbengeschichte vorher abfragen. Vor jedem intensiveren Verfahren frage ich die Narbengeschichte ab, ganz besonders vor Needling und anderen Methoden, die die Haut bewusst verletzen.

Viertens, nicht allein nach der Rötung steuern. Die Behandlungsintensität steuere ich nicht allein über die sichtbare Rötung. Bei stärker pigmentierter Haut ist ein Erythem deutlich schwerer zu erkennen, weshalb Zeit, Konzentration, Technik und die Rückmeldung des Menschen auf der Liege wesentlich wichtiger sind als mein Auge.

Fünftens, im Zweifel ein Testareal. Im Zweifel arbeite ich mit einem Testareal, vor allem bei neuen Säuren, bei invasiveren Verfahren und bei apparativen Anwendungen.

Sechstens, der Hautzustand schlägt die Theorie. Der Hautzustand schlägt die Theorie. Die konkrete Haut unter meiner Lupe ist mir jederzeit lieber als jeder statistische Durchschnittswert aus einer Studie.

Nicht weniger behandeln, sondern besser unterscheiden

Damit sind wir wieder am Anfang dieses Textes. Meine Ausbildung hat mir ein Hautmodell vermittelt, das für vieles funktioniert und trotzdem nicht jede mögliche Hautreaktion gleichermaßen abbildet.

Die Forschung zeigt sehr deutlich, dass es relevante Unterschiede gibt, unter anderem bei der Pigmentreaktion, beim natürlichen UV-Schutz, bei der sichtbaren Hautalterung, und bei der Aktivität des Bindegewebes. Diese Unterschiede zu ignorieren wäre fachlich falsch und für die Betroffenen unangenehm. Beim Narbenrisiko liegt der entscheidende Faktor dagegen nicht in der Hautfarbe, sondern in der persönlichen und familiären Veranlagung.

Sie zeigt aber ebenso deutlich, dass es keine Gebrauchsanweisung nach Hautfarbe gibt. Alle diese Befunde sind Durchschnittswerte aus untersuchten Gruppen, und gerade zu stärker pigmentierter Haut gibt es bis heute große Forschungslücken, sodass wir längst nicht alles wissen können. Auf der Liege liegt nie ein Durchschnitt, sondern immer ein einzelner Mensch mit einer eigenen Geschichte, einer eigenen Veranlagung und einer Haut, die auf all das ihre eigene Antwort hat.

Die Hautfarbe kann mir Hinweise geben. Die Hautdiagnose abnehmen darf sie mir nicht. Entscheidend ist am Ende, wie diese eine konkrete Haut auf Sonne, auf Entzündung, auf Verletzung und auf Behandlung reagiert.

Genau deshalb hat sich an meiner Haltung nichts geändert, seit ich in diesem Beruf stehe. Menschen müssen nicht in Kategorien passen. Die Behandlung muss zur Haut passen.

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Ihr Mario Goldinger

Quellen

Grundlagen, Hautfarbe und Fitzpatrick

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Hautalterung und Falten

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