Mikroplastik in Kosmetik kann die Konsistenz, Haftung oder Optik eines Produkts verändern. Notwendig ist es deshalb noch lange nicht – und folgenlos schon gar nicht
Kunststoff hat in vielen Bereichen seine Berechtigung. Wenn ein Material stabil, hygienisch und langlebig sein muss, kann er die richtige Wahl sein. Bei Kosmetik sehe ich das anders. Warum sollte Kunststoff in einer Creme, einem Make-up oder einem Reinigungsprodukt stecken, wenn natürliche Roh- und Wirkstoffe dieselben Aufgaben ebenso gut oder sogar besser erfüllen können?
Mikroplastik in Kosmetik: Was soll das Plastik eigentlich in der Creme?
Mikroplastik bezeichnet feste, schwer abbaubare Kunststoffpartikel, die kleiner als fünf Millimeter sind. In Kosmetik können sie dafür sorgen, dass sich eine Creme glatter anfühlt, ein Produkt besser haftet, glänzt oder eine bestimmte Farbe bekommt. Manche dienen als Schleifkörper oder verkapseln Duft- und Wirkstoffe. Kunststoff kann in Kosmetik einiges erledigen. Die Frage ist nur, warum man ihm den Job gibt, wenn natürliche Alternativen ihn ebenso gut übernehmen können.
Diese Funktionen sind real. Sie machen Kunststoff aber nicht automatisch notwendig. Für viele davon gibt es natürliche oder biologisch abbaubare Alternativen. Nicht jeder natürliche Stoff ist deshalb automatisch besser oder hautverträglicher. Wenn eine Alternative dieselbe kosmetische Aufgabe aber ebenso gut erfüllt, ohne ein dauerhaftes Kunststoffteilchen zu hinterlassen, ist die Entscheidung für mich klar.
Ob ein Produkt tatsächlich Mikroplastik enthält, lässt sich auf der Verpackung allerdings nicht immer erkennen. Denn nicht jedes synthetische Polymer auf der Inhaltsstoffliste ist automatisch Mikroplastik. Entscheidend ist unter anderem, ob es als fester, unlöslicher Partikel vorliegt und wie gut es abgebaut werden kann. Angegeben wird zwar der Name des Polymers (z.B.: ACRYLATES/C10-30 ALKYL ACRYLATE CROSSPOLYMER), aber nicht zwingend, in welcher Form es im Produkt steckt. Wer das zuverlässig beurteilen will, braucht fast ein Chemiestudium oder einen ungewöhnlich auskunftsfreudigen Hersteller.
Was passiert auf der Haut?
Die Haut ist weder ein offenes Sieb noch eine undurchdringliche Betonmauer. Eine gesunde Hornschicht ist eine sehr wirksame Barriere. Bei den größeren Kunststoffpartikeln, wie sie klassisch in Peelings oder Duschgels eingesetzt wurden, erwartet das Bundesinstitut für Risikobewertung deshalb keine Aufnahme über gesunde, intakte Haut.
Damit ist die Hautfrage aber nicht vollständig beantwortet. Viele neuere Untersuchungen beschäftigen sich mit sehr kleinen Mikro- und Nanoplastikpartikeln. Nanoplastik ist so klein, dass einzelne Partikel mit Hautzellen in Kontakt treten und von ihnen aufgenommen werden können.
In einer Studie wurden 30 bis 300 Nanometer kleine Kunststoffpartikel aus handelsüblichen Gesichtspeelings isoliert und direkt an menschlichen Keratinozyten untersucht. Die Zellen nahmen die Partikel auf. Beobachtet wurden oxidativer Stress, gehemmtes Zellwachstum und vorzeitige Zellalterung. Eine weitere Untersuchung mit fragmentiertem Polystyrol zeigte in menschlichen Hautzellen Entzündungssignale. Sehr kleine Partikel gelangten in einem dreidimensionalen Hautmodell bis in tiefere Schichten.
Das sind Labor- und Modellstudien, keine Langzeitbeobachtungen an Menschen. Sie beweisen nicht, dass jedes mikroplastikhaltige Kosmetikprodukt die Haut schädigt. Sie zeigen aber, dass besonders kleine Partikel biologisch nicht bedeutungslos sind. Oxidativer Stress, Entzündungsreaktionen und Zellalterung sind reale Körperreaktionen – auch wenn noch nicht geklärt ist, in welchem Ausmaß sie bei normaler Anwendung auftreten.
Kranke Haut ist nochmal eine andere Ausgangslage
Noch wichtiger wird diese Unterscheidung bei einer gestörten Hautbarriere. Neurodermitis, Entzündungen, Sonnenbrand oder kleine Verletzungen können die Hornschicht schwächen. Ausgerechnet Menschen, deren Haut ohnehin Unterstützung braucht, haben damit nicht dieselbe Ausgangslage wie gesunde Haut.
Eine 2024 veröffentlichte Studie hat diesen Unterschied an menschlicher Haut im Modell untersucht. Bei intakter Hornschicht blieben 100 Nanometer kleine Kunststoffpartikel überwiegend an der Oberfläche. Nachdem die Hornschicht entfernt worden war, fanden sich deutlich mehr Partikel in allen Schichten der Epidermis. Die Hautzellen aktivierten Entzündungswege; auch Zellen im darunterliegenden Gewebe veränderten ihr Verhalten.
Die Hornschicht wurde für den Versuch künstlich entfernt. Das ist ein starkes Modell und nicht dasselbe wie eine klinische Studie mit Menschen, die Neurodermitis oder eine andere Hauterkrankung haben. Trotzdem macht die Untersuchung deutlich, dass der Zustand der Hautbarriere eine zusätzliche Rolle spielt. Ist sie geschädigt, können Partikel noch leichter in tiefere Hautschichten gelangen. Wer eine angegriffene Hautbarriere hat, braucht besonders gut begründete Inhaltsstoffe.
Nach dem Abfluss beginnt das zweite Leben
Spätestens beim Abwaschen verlässt das Thema die Haut. Ein Teil der Kunststoffpartikel wird in Kläranlagen zurückgehalten. Das klingt beruhigend, ist aber nur die halbe Geschichte. Zurückgehalten bedeutet nicht vernichtet. Viele Partikel sammeln sich im Klärschlamm und können von dort in Böden gelangen. Andere bleiben im gereinigten Abwasser und erreichen Flüsse, Seen oder Meere.
Dort bauen sie sich nicht einfach biologisch ab. Sie verwittern, verändern ihre Oberfläche und zerfallen in immer kleinere Teile. Sie können von Organismen aufgenommen werden und weitere Stoffe anlagern. Eine Studie mit Kunststoffkügelchen aus Kosmetik zeigte bereits bei den ursprünglichen Partikeln Auswirkungen auf das Wurzelwachstum von Wasserlinsen. Nach der Alterung im Wasser veränderten sich ihre Eigenschaften; angelagerte Stoffe erhöhten die Wirkung auf Wasserorganismen zusätzlich.
Das Produkt ist zu diesem Zeitpunkt längst vergessen. Sein Kunststoff ist aber weiterhin da.
Eine kleine Zutat mit einer erstaunlich langen Rechnung
Kosmetik ist nicht die größte Quelle für Mikroplastik. Reifenabrieb, Farben, Kunststoffabfälle und synthetische Textilien verursachen wesentlich größere Mengen. Das gehört zur Einordnung dazu.
Für mich ist das aber kein Freibrief. Mikroplastik in Kosmetik wird gezielt zugesetzt. Der Nutzen ist meist privat und kurzfristig: ein bestimmtes Hautgefühl, eine schönere Textur, etwas Glanz. Die ökologischen Folgen tragen dagegen Kläranlagen, Gewässer, Böden, Tiere und letztlich die Allgemeinheit. Und über Wasser und Lebensmittel kann Mikroplastik schließlich auch wieder auf unseren Tellern landen.
Verantwortung beginnt nicht erst bei der größten Verschmutzungsquelle. Sonst könnte sich jede kleinere Branche bequem hinter der jeweils größeren verstecken – ein ziemlich effizientes System, wenn man gar nichts ändern möchte.
Ein Inhaltsstoff kann bei der vorgesehenen Anwendung als sicher gelten und trotzdem schlecht konzipiert sein. Deshalb reicht mir die Frage „Ist es erlaubt?“ nicht. Ich möchte auch Wissen, ob es überhaupt notwendig ist? Gibt es eine Alternative? Und was passiert mit dem Stoff, nachdem er von der Haut runter ist?
Wenn es verboten wird, warum steht es noch im Regal?
Die Europäische Union hat absichtlich zugesetztes Mikroplastik seit Oktober 2023 schrittweise beschränkt. Kunststoff-Mikroperlen, die zum Peelen verwendet werden, waren ohne Übergangsfrist betroffen. Für andere Kosmetikprodukte gelten jedoch lange Fristen: für abzuspülende Produkte bis Oktober 2027, für viele Produkte, die auf der Haut bleiben, bis Oktober 2029 und für Make-up sowie Lippen- und Nagelprodukte teilweise bis Oktober 2035.
Das Verbot ist unterwegs. Besonders eilig hat es offenbar nicht. Bis Mikroplastik vollständig aus den Kosmetikregalen verschwindet, darf man jedenfalls noch etwas Geduld mitbringen. Diese Übergangszeiten sollen Herstellern die Reformulierung ermöglichen. Sie erklären, warum Produkte heute noch legal im Handel sein können. Legal bedeutet an dieser Stelle aber nicht automatisch zeitgemäß. Es kann auch bedeuten, dass eine Regel bereits beschlossen ist, der Markt aber noch Jahre für die Umsetzung bekommt.
Für Konsumentinnen und Konsumenten kann eine Orientierung hier schwierig sein. Die Inhaltsstoffliste nennt zwar synthetische Polymere, verrät aber nicht immer, ob sie als feste Mikroplastikpartikel vorliegen. Umso wichtiger sind klare Angaben der Hersteller – und die Bereitschaft, auf Nachfrage eine verständliche Antwort zu geben.
Wirkung ohne Mikroplastik
Bei mir kommen deshalb nur Produkte ohne Mikroplastik zum Einsatz.
Natürliche Roh- und Wirkstoffe können viele kosmetische Aufgaben ebenso gut oder besser übernehmen, ohne nach kurzer Anwendung als Kunststoffpartikel weiterzubestehen. Dazu kommt das Gesamtbild: biologische Warnsignale in Hautzellen, weniger Schutz bei geschädigter Haut und klar belegte, dauerhafte Folgen für die Umwelt.
Wo Wirkung ohne Mikroplastik möglich ist, gibt es für mich keinen überzeugenden Grund, ein Produkt mit Mikroplastik zu verwenden. Die Produkte, mit denen ich arbeite, sollen auf der Haut wirken und nicht nach dem Abwaschen noch jahrelang auf Weltreise gehen.
Ihr Mario Goldinger
Quellen
Europäische Kommission. Questions and Answers on restriction to intentionally added microplastics. Brüssel. 2023. Quelle öffnen
Europäische Kommission. Verordnung (EU) 2023/2055 zur Beschränkung synthetischer Polymermikropartikel. Amtsblatt der Europäischen Union. 2023. Quelle öffnen
Europäische Kommission. Microplastics. Environment. abgerufen 2026. Quelle öffnen
Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR). Mikroplastik: Fakten, Forschung und offene Fragen. Fragen und Antworten. 2024. Quelle öffnen
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Song GB, Nam J, Ji S et al. Deciphering the links: Fragmented polystyrene as a driver of skin inflammation. Journal of Hazardous Materials 480, 135815. 2024. Quelle öffnen
Martin L, Simpson K, Brzezinski M et al. Cellular response of keratinocytes to the entry and accumulation of nanoplastic particles. Particle and Fibre Toxicology 21, 22. 2024. Quelle öffnen
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Europäische Umweltagentur (EEA). Microplastics from textiles: towards a circular economy for textiles in Europe. EEA Briefing. 2022. Quelle öffnen





