Es begann mit kleinen roten Flecken am Körper. Nichts Dramatisches, ein bisschen Schuppung, und obwohl ich mich schon damals intensiv mit Haut beschäftigt hatte, ignorierte ich sie zunächst.
Irgendwann war allerdings der ganze Rücken voll mit diesen roten Tupfen. Als sie schließlich auch im Gesicht auftauchten, war der Punkt erreicht, an dem selbst ich fand, dass Ignorieren keine besonders überzeugende Strategie mehr war.
Zufällig war einer meiner Kunden damals an einer Psoriasis-Studie im AKH beteiligt. Ich schickte ihm Fotos. Seine Rückmeldung war ziemlich eindeutig. Er verstehe meinen Leidensdruck, für die Studie sei mein Fall allerdings zu schwach ausgeprägt, aber es sei auf jeden Fall Psoriasis.
Er empfahl mir einen Hautarzt, der auf diesem Gebiet sehr erfahren war. Also ging ich hin.
Der Arzt sah sich meinen Körper an, kratzte mit einem Holzspatel an einer der Stellen am Bauch und kam ebenfalls zu einem klaren Ergebnis. Psoriasis.
Damit waren es zwei Einschätzungen, die unabhängig voneinander zum selben Schluss gekommen waren. Für mich war die Sache damit geklärt.
Plötzlich hatte ich eine chronische Hauterkrankung
Ich fragte den Arzt noch, ob Psoriasis nicht genetisch bedingt sei. Er meinte, irgendjemand in meiner Familie müsse sie haben.
Ich begann gedanklich meine Verwandtschaft durchzugehen. Auf der einen Seite der Familie waren viele ständig gebräunt. Vielleicht hatte man dort einfach nichts gesehen. Auf der anderen Seite der Familie wurde viel gearbeitet und Haut war vermutlich nicht das wichtigste Gesprächsthema.
Irgendwer wird es schon haben, dachte ich mir.
Heute weiß ich, dass diese Schlussfolgerung zu einfach war. Genetische Faktoren spielen bei Psoriasis eine wichtige Rolle, aber eine bekannte Psoriasis in der Familie ist keineswegs Voraussetzung. In einer aktuellen Übersicht wird nur bei etwa 40 bis 50 Prozent der Betroffenen eine positive Familiengeschichte beschrieben.
Viel mehr beschäftigte mich damals ohnehin etwas anderes.
Der Arzt erklärte mir, dass ich regelmäßig zur UV-B-Bestrahlung kommen sollte. Zusätzlich verschrieb er mir eine kortisonhaltige Creme.
Während ich auf die erste Bestrahlung wartete, sah ich im Wartezimmer einen Patienten mit einer sehr schweren Ausprägung im Gesicht. Er war völlig verkrustet, orange-braun gefärbt und seine Augen hatten kaum noch eine Möglichkeit durch die starke Verschuppung zu sehen.
Und mein erster Gedanke war nicht besonders rational: So sieht also meine Zukunft aus…
Für mich fühlte sich das in diesem Moment wie ein seelisches Todesurteil an.
Eine Haut, die viel zu schnell arbeitet
Psoriasis ist eine chronisch-entzündliche, immunvermittelte Erkrankung. Was dabei an der Hautoberfläche sichtbar wird, hängt unter anderem mit einem stark beschleunigten Prozess in der Epidermis zusammen.
Bei gesunder Haut wandern neu gebildete Hautzellen über Wochen bzw. teilweise Monate durch die verschiedenen Hautschichten, bevor sie schließlich abgestoßen werden. Bei psoriatischer Haut kann dieser Prozess auf ungefähr vier bis fünf Tage verkürzt sein. Die Zellen werden also in einem Tempo produziert und nach oben transportiert, in dem sie nicht mehr normal ausreifen können. Das trägt zu den typischen verdickten, schuppenden Hautstellen bei.
Für mich als Kosmetiker ist genau dieser Punkt besonders interessant.
In der Kosmetik sprechen wir ständig davon, Hauterneuerung anzuregen. Wir peelen, arbeiten mit Säuren, Apparaten oder anderen Verfahren, um alte Hornzellen zu lösen und eine glattere Hautoberfläche zu erreichen.
Bei einer Haut, deren Erneuerungsprozess ohnehin massiv beschleunigt ist, bekommt dieser Ansatz plötzlich einen Haken.
Mehr Abschuppung ist nicht automatisch besser. Und bei Psoriasis kommt noch etwas hinzu: Die Haut kann auf zusätzliche Reizung anders reagieren als gesunde Haut.
Ein bekanntes Beispiel dafür ist das sogenannte Köbner-Phänomen. Dabei entstehen bei manchen Menschen mit Psoriasis neue typische Hautveränderungen genau dort, wo die Haut zuvor verletzt oder deutlich gereizt wurde. Das kann etwa nach Kratzen, Druck, Reibung oder anderen mechanischen Belastungen passieren.
Für kosmetische Behandlungen ist das durchaus relevant. Wenn eine Haut bereits entzündet und in ihrem Erneuerungsprozess aus dem Gleichgewicht ist, ist ein zusätzlicher Reiz nicht automatisch hilfreich. Ein intensives Peeling oder eine aggressive Behandlung kann dann etwas völlig anderes bewirken als bei gesunder Haut.
Das heißt allerdings nicht, dass alles, was Hornschuppen löst, bei Psoriasis grundsätzlich tabu ist. Salicylsäure wird beispielsweise auch medizinisch eingesetzt, um starke Schuppung zu lösen. Der Unterschied liegt in der gezielten Anwendung und darin, dass eine medizinische Behandlung nicht mit einem klassischen kosmetischen Peeling gleichzusetzen ist.
Für mich bedeutet das vor allem, dass eine entzündete und schuppende Haut nicht einfach wie gesunde Haut behandelt werden darf, nur weil man sie glatter bekommen möchte.
50 Kilo Salz und Reptilienlampen im Badezimmer
Zurück zu meiner vermeintlichen Schuppenflechte.
In der Apotheke wollte man mir die verschriebene Creme geben. Ich fragte, ob Kortison darin sei.
Ja.
„Nein danke.“
Die Apothekerin war verständlicherweise etwas irritiert.
Ich möchte das aus heutiger Sicht ausdrücklich dazusagen. Das war meine damalige Entscheidung und keine Empfehlung. Kortisonpräparate gehören bis heute zu den etablierten lokalen Behandlungsmöglichkeiten bei Psoriasis.
Ich wollte damals trotzdem einen alternativen Weg finden und begann noch intensiver zu recherchieren.
Dabei stieß ich natürlich auch auf UV-Therapie. Medizinische Phototherapie, insbesondere mit UVB, ist tatsächlich eine etablierte Behandlung bei Psoriasis. Sie kann unter anderem die stark beschleunigte Vermehrung der Hautzellen bremsen und Entzündungsprozesse beeinflussen.
Meine Interpretation davon war allerdings etwas kreativer.
Ich beschäftigte mich mit UV-Licht bei Reptilien und Amphibien und kam irgendwann auf die glorreiche Idee, Reptilienlampen in den Luster meines Badezimmers zu schrauben.
Meine Rechnung war simpel. Die intensive Bestrahlung beim Hautarzt dauerte 2 Minuten. Wenn ich jeden Tag ungefähr eineinhalb Stunden im Badezimmer verbringe, müsste über die Woche doch einiges an UV zusammenkommen.
Heute würde ich niemandem empfehlen, eine medizinische Lichttherapie auf diese Weise nachzubauen. Damals erschien mir die Idee erstaunlich logisch.
Damit nicht genug. Ich bestellte auch noch 50 Kilo Salz aus dem Toten Meer und badete zweimal pro Woche darin.
Ganz aus der Luft gegriffen war der Ansatz ja nicht. Balneotherapie mit mineralhaltigem Wasser wird bei Psoriasis untersucht und kann Beschwerden verbessern. Die wissenschaftliche Datenlage ist allerdings deutlich weniger robust als bei etablierten medizinischen Therapien.
Und tatsächlich wurde meine Haut etwas besser.
Für mich war das die Bestätigung, dass ich auf dem richtigen Weg war.
Ich hatte schließlich Psoriasis, dachte ich.
„Wer sagt, dass das Psoriasis ist?“
Einige Monate später ging ich wegen einer Verkühlung zu meiner praktischen Ärztin.
Sie wollte mich abhören, sah dabei meinen Rücken und fragte plötzlich:
„Was ist das?“
„Psoriasis.“
Ihre nächste Frage irritierte mich.
„Wer sagt das?“
Ich erklärte ihr, dass mein Hautarzt die Diagnose gestellt hatte.
Sie sah sich die Haut noch einmal an und meinte, sie halte das für einen Hautpilz.
An den genauen medizinischen Namen erinnere ich mich heute nicht mehr. Vieles spricht rückblickend für eine Pityriasis versicolor, auch Kleienpilzflechte genannt.
Ich fragte natürlich sofort, wo ich mir so einen Hautpilz eingefangen haben könnte. Meine Ärztin meinte damals, das könne zum Beispiel über Kleidung passieren, die man in einem Geschäft anprobiert, oder über das Solarium. So wurde mir das damals erklärt und so habe ich es auch viele Jahre in Erinnerung behalten. Heute weiß man, dass Pityriasis versicolor nicht als ansteckend gilt.
Rückblickend lässt sich bei mir nicht mehr eindeutig sagen woher der Hautpilz kam. Sicher ist nur, dass die Diagnose plötzlich in eine völlig andere Richtung ging als alles, womit ich mich in den Monaten davor beschäftigt hatte.
Ein weiteres typisches Zeichen hätte mir damals vielleicht auffallen können: Pityriasis versicolor kann nicht nur rötliche oder bräunliche, sondern auch deutlich hellere Flecken verursachen. Besonders nach dem Sonnenbaden werden sie oft sichtbar, weil die betroffenen Stellen schlechter mitbräunen. Die Hefen können nämlich die Pigmentbildung der Haut beeinflussen, wodurch einzelne Bereiche heller bleiben und der Rücken fleckig wirken kann. Wegen meinen Anti-Akne Behandlungen war ich allerdings das ganze Jahr nicht in der Sonne.
Die Hausärztin verschrieb mir ein Shampoo, das ich beim Duschen auch auf dem Rücken einwirken lassen sollte.
Nach zweimal Duschen waren die Stellen weg.
Monatelang Gedanken darüber, wie ich künftig mit einer chronischen Hauterkrankung leben würde. UV-Bestrahlung beim Arzt bzw. Reptilienlampen im Badezimmer, eventuell lebenslang Kortisonhaltige Körpercremen schmieren und 50 Kilo Salz vom Toten Meer um darin zu baden.
Und dann zweimal mit Shampoo duschen.
Ich gebe zu, ich musste das erst einmal verdauen.
Haut sieht nicht immer danach aus, was sie ist
Was mir von dieser Geschichte geblieben ist, ist weniger die Tatsache, dass eine Diagnose falsch war. Viel wichtiger ist für mich, dass unterschiedliche Hautbilder sich sehr ähnlich sehen und trotzdem völlig unterschiedliche Ursachen haben können. Von außen sieht man rote Flecken, Schuppung oder gereizte Haut. Daraus lässt sich nicht automatisch ableiten, was darunter passiert.
Deshalb ist für mich eine sorgfältige Beurteilung der Haut so wichtig. Ich arbeite jeden Tag mit Haut, sehe sie aus nächster Nähe und nehme mir dafür Zeit. Dabei geht es nicht darum, als Kosmetiker eine medizinische Diagnose zu stellen, sondern darum, zu erkennen, wann ein Hautbild in die Kosmetik gehört und wann es medizinisch abgeklärt werden sollte.
Wenn eine Haut schuppt, ist die Antwort nicht automatisch mehr Peeling und wenn sie unruhig ist, ist die nächste Anti-Aging-Behandlung vielleicht gerade nicht das, was sie im Moment braucht.
Wenn ich bei einem Hautbild unsicher bin oder etwas sehe, das medizinisch abgeklärt gehört, schicke ich meine Kundinnen und Kunden zum Hautarzt. Aber für viele Menschen bin ich derjenige, der ihre Haut regelmäßig sieht, Veränderungen bemerkt und vor allem die Zeit hat, genau hinzuschauen.
Meine vermeintliche Psoriasis hat mir sehr deutlich gezeigt, wie wichtig dieser genaue Blick auf die Haut sein kann. Denn bevor man darüber nachdenkt, wie man sie pflegt, behandelt oder jünger aussehen lässt, sollte eines möglichst klar sein: Womit haben wir es überhaupt zu tun?
Ihr Mario Goldinger
Quellen
American Academy of Dermatology. Psoriasis clinical guideline – Topical therapy and phototherapy.
American Academy of Dermatology. Psoriasis treatment: Phototherapy.
American Academy of Dermatology. Tinea versicolor: Who gets and causes.
American Academy of Dermatology. Tinea versicolor: Signs and symptoms.
DermNet. Pityriasis versicolor.
Ortiz-Lopez LI et al. Updated Perspectives on Keratinocytes and Psoriasis: Keratinocytes are More Than Innocent Bystanders.Psoriasis (Auckland). 2022;12:73–87.
Zhang X et al. Characteristics and pathogenesis of Koebner phenomenon.Experimental Dermatology. 2023;32(4):310–323.
Moini Jazani A et al. Efficacy of hydrotherapy, spa therapy, and balneotherapy for psoriasis and atopic dermatitis: a systematic review.International Journal of Dermatology. 2023.
Shellard EM et al. Functional Genomics and Insights into the Pathogenesis and Treatment of Psoriasis.Biomolecules.2024;14(5):548.





