Mit 60 wacht man nicht plötzlich mit einer anderen Haut auf. Trotzdem verändert sie sich über die Jahre, und manches davon macht sich in der kalten Jahreszeit besonders bemerkbar. Eine Haut, die im Sommer völlig unauffällig war, kann im Winter rauer werden, spannen, jucken oder empfindlicher auf Produkte und äußere Reize reagieren.
Kälte draußen und trockene Heizungsluft drinnen treffen dabei auf eine Haut, deren Talgproduktion, Feuchtigkeitshaushalt, Barrierefunktion und Regeneration sich mit zunehmendem Alter verändern. Das bedeutet nicht, dass jede Haut ab 60 trocken oder empfindlich ist. Es bedeutet aber, dass sie unter Winterbedingungen andere Voraussetzungen mitbringt als in jüngeren Jahren.
Entscheidend ist deshalb weniger die Zahl im Pass als die Frage, wie stabil die Haut gerade ist. Und der Winter ist eine Jahreszeit, in der sich diese Unterschiede oft besonders deutlich zeigen.
Was sich bei Haut ab 60 verändert
Unsere Hautbarriere ist kein starres Schutzschild. Sie erneuert sich laufend und sorgt unter anderem dafür, dass nicht zu viel Wasser nach außen verloren geht und unerwünschte Stoffe möglichst wenig eindringen können. Mit zunehmendem Alter verändern sich mehrere Prozesse, die für diese Funktion wichtig sind.
Die Produktion und Verarbeitung von Hautlipiden verändert sich, die Talgproduktion nimmt tendenziell ab und auch der Feuchtigkeitshaushalt der Hornschicht verändert sich. Gleichzeitig laufen Regenerationsprozesse langsamer ab. Dazu kommt, dass reifere Haut mechanisch verletzlicher wird. Reibung und Druck, die eine jüngere Haut möglicherweise problemlos wegsteckt, können bei reifer Haut schneller Spuren hinterlassen.
Und dann kommt der Winter dazu. Untersuchungen aus Mitteleuropa zeigen, dass sowohl die Hydration der Hornschicht als auch die Talgproduktion in den Wintermonaten niedriger sein können. Wenn sich die Haut im Jänner plötzlich deutlich rauer anfühlt als im August, ist das also nicht unbedingt nur ein subjektiver Eindruck.
Aus „Haut ab 60“ wird dadurch trotzdem keine eigene Hautkategorie. Zwei Menschen können am selben Tag ihren 65. Geburtstag feiern und dennoch vollkommen unterschiedliche Haut haben. Bei dem einen ist sie trocken und empfindlich, beim anderen relativ robust und gut mit Lipiden versorgt. Das Alter liefert Hinweise, ersetzt aber niemals den Blick auf die Haut selbst.
Darüber habe ich vor Kurzem auch in meinem Beitrag „Bräuchten wir auf der Alm noch Kosmetik?“ geschrieben. Haut verändert sich mit unserer Umwelt, unserem Lebensstil und mit uns selbst. Eine Pflege, die vor fünf Jahren oder auch nur im vergangenen Sommer hervorragend funktioniert hat, muss deshalb nicht für immer die richtige sein.
Trockene Haut und Juckreiz sind ein häufiges Winterthema
Trockene Haut hat einen medizinischen Namen: Xerosis. Sie gehört mit zunehmendem Alter zu den häufigsten Hautveränderungen. Übersichtsarbeiten kommen auf Größenordnungen von ungefähr jeder zweiten Person. Besonders häufig betroffen sind dabei die Unterschenkel.
Xerosis kann sich durch Rauigkeit, feine Schuppung, Spannungsgefühl und kleine Risse bemerkbar machen. Häufig kommt Juckreiz dazu. Und spätestens dann wird aus trockener Haut schnell mehr als nur ein kosmetisch unangenehmes Gefühl.
Wer ständig an einer trockenen Stelle kratzt, belastet eine Hautoberfläche, deren Schutzfunktion ohnehin bereits eingeschränkt sein kann. Es entstehen kleine Verletzungen, die Haut wird noch empfindlicher und beginnt unter Umständen noch stärker zu jucken. Ein ziemlich unangenehmer Kreislauf. Bei sehr starkem, anhaltendem oder neu auftretendem Juckreiz sollte deshalb auch geklärt werden, ob tatsächlich nur trockene Haut dahintersteckt.
Aus kosmetischer Sicht stellt sich vor allem die Frage, wie sich die Barriere unterstützen lässt. Bei ausgeprägt trockener Haut reicht es nicht immer, einfach nur Feuchtigkeit aufzutragen. Die Haut muss sie auch möglichst gut halten können. Deshalb spielen neben feuchtigkeitsbindenden Stoffen auch Lipide eine wichtige Rolle.
Urea ist dafür ein interessanter Wirkstoff. Harnstoff kommt natürlicherweise in der Haut vor und kann Wasser in der Hornschicht binden. Bei entsprechend trockenen Hautzuständen setze ich ihn gerne ein. Entscheidend ist aber auch hier die jeweilige Haut und nicht eine allgemeine Empfehlung. Gerade auf sehr trockener oder bereits gereizter Haut kann Urea nach dem Auftragen kurz brennen. Produkte und Formulierungen sollten daher danach ausgewählt werden, wie die Haut darauf reagiert.
Auch bei der Reinigung lohnt sich ein genauerer Blick. Heißes Wasser, sehr lange Duschen und stark entfettende Produkte können einer ohnehin lipidarmen Haut zusätzlich Fett entziehen. Lauwarmes Wasser, kürzere Duschzeiten und milde Reinigungsprodukte sind für reife, trockene Haut meist die bessere Kombination. Das bedeutet übrigens nicht, nur noch Wasser zu verwenden. Warum Wasser alleine für eine vernünftige Reinigung nicht ausreicht, habe ich bereits ausführlich in „Wasser wäscht nicht“ erklärt.
Wenn es draußen wirklich kalt wird
Bei ausgeprägter Kälte kommen auch wasserfreie Oleogele ins Spiel, die ich besonders schätze.
Ein Oleogel ist vereinfacht gesagt ein Gel auf Fettbasis. Anders als eine klassische Creme enthält es keine Wasserphase. Die Lipide bilden auf der Haut einen schützenden Film und können dabei helfen, den Wasserverlust über die Hautoberfläche zu begrenzen. Wenn kalter Wind und niedrige Temperaturen auf eine ohnehin trockene oder empfindliche Haut treffen, kann dieser zusätzliche Schutz sehr angenehm sein.
Dabei ist Oleogel nicht gleich Oleogel. Es gibt unterschiedliche Formulierungen und Zusammensetzungen, die sich je nach Hautzustand einsetzen lassen. Diese wasserfreien Systeme sind in der Kosmetik nach wie vor etwas Besonderes und ein ausgesprochen interessantes Werkzeug, wenn es um Kälteschutz geht.
Oleogele spielen ihre Stärke vor allem als Schutzschicht aus. Sie liefern Lipide und können den Wasserverlust der Haut bremsen. Fehlt der Haut zusätzlich Feuchtigkeit, werden sie deshalb mit einer passenden feuchtigkeitsspendenden Pflege kombiniert.
Wenn bereits ein Hautproblem vorhanden ist
Winterbedingungen treffen nicht nur auf gesunde Haut. Viele Menschen gehen mit atopischer Haut, einer Ekzemneigung, Psoriasis oder anderen bestehenden Hautproblemen in die kalte Jahreszeit. Und dann kann das, was im restlichen Jahr gut im Gleichgewicht ist, plötzlich weniger belastbar werden.
Bei atopischer Haut sind Kälte und geringe Luftfeuchtigkeit gut bekannte Belastungsfaktoren. Hinzu kommen die häufigen Wechsel zwischen kalter Außenluft und stark beheizten Räumen. Eine Haut, deren Barriere ohnehin instabil ist, kann darauf mit mehr Trockenheit, Spannungsgefühl oder Reizung reagieren.
In stabilen Phasen kann eine angepasste kosmetische Pflege die Hautbarriere unterstützen und zusätzliche Belastungen möglichst gering halten. Bei deutlich entzündeten, nässenden oder akuten Veränderungen gehört die weitere Beurteilung dagegen in dermatologische Hände.
Psoriasis reagiert nicht bei jedem Menschen gleich auf den Winter
Bei Psoriasis hält sich hartnäckig die Vorstellung, dass sie sich im Winter grundsätzlich verschlechtert. So eindeutig ist die Sache allerdings nicht.
Eine systematische Auswertung von Studien aus Nord- und Mitteleuropa zeigt ein deutlich differenzierteres Bild: Rund die Hälfte der untersuchten Menschen berichtete gar keine klare saisonale Veränderung. Etwa 30 Prozent ging es im Sommer besser, während ungefähr 20 Prozent sogar im Winter eine Besserung feststellten. Gerade daran lässt sich gut erkennen, warum pauschale Regeln bei Haut selten weiterhelfen.
Mit Psoriasis verbinde ich außerdem eine ganz persönliche Geschichte. In „Ich hatte Psoriasis. Zumindest dachte ich das.“ habe ich darüber geschrieben, wie schnell auch ein scheinbar eindeutiges Hautbild in eine bestimmte Richtung interpretiert werden kann. Der Beitrag erinnert bis heute daran, Beobachtung und Diagnose sauber voneinander zu trennen.
Wer sich speziell für die Pflege bei Psoriasis interessiert, findet außerdem einen ausführlichen Beitrag unter „Psoriasis: Pflegetipps bei Schuppenflechte“. Dort gehe ich unter anderem auf Reinigung, Feuchtigkeit, Hautbarriere und den Umgang mit Wirkstoffen ein.
Im Winter gilt bei Psoriasis deshalb dasselbe wie bei anderen bestehenden Hautproblemen: Veränderungen sollten im Zusammenhang mit dem bekannten Hautbild betrachtet werden. Nicht jede trockene, schuppende oder gerötete Stelle ist einfach „Winterhaut“.
Auch Kleidung kann plötzlich unangenehm werden
Dicke Pullover, mehrere Kleidungsschichten und warme Räume gehören im Winter zusammen. Für empfindliche Haut ist diese Kombination nicht immer so gemütlich, wie sie klingt.
Wolle und andere raue Materialien können die Haut mechanisch reizen. Unter mehreren Schichten können zusätzlich Wärme und Schweiß entstehen. Bei reifer Haut gewinnt dieser Punkt an Bedeutung, weil sie im Laufe der Jahre empfindlicher gegenüber Reibung und Scherkräften wird.
Manchmal verändert sich deshalb gar nicht das grundlegende Hautbild, sondern dessen Belastbarkeit. Ein Material, das bisher nie gestört hat, fühlt sich plötzlich unangenehm an. Eine trockene Stelle beginnt unter einem Wollpullover zu jucken oder eine ohnehin gereizte Haut reagiert stärker auf Reibung.
Auch starke Temperaturwechsel können sich bemerkbar machen. Wer aus Minusgraden in ein auf 23 Grad beheiztes Geschäft kommt und eine halbe Stunde später wieder hinausgeht, verlangt der Haut einiges ab. Kälte, Wind, trockene Luft und Temperaturwechsel gehören zu den bekannten Auslösern von Brennen, Spannen und Rötungen bei empfindlicher Haut.
Wintersonne: Wien ist nicht die Skipiste
Beim Thema Sonnenschutz wird es im Winter besonders interessant, weil sehr unterschiedliche Situationen gerne in einen Topf geworfen werden.
Ein grauer Dezembertag in Wien und ein sonniger Skitag auf 2.000 Metern Höhe haben für die Haut wenig miteinander zu tun.
Mit zunehmender Höhe steigt die UV-Belastung. Die Weltgesundheitsorganisation gibt als Richtwert ungefähr zehn Prozent pro 1.000 Höhenmeter an. Dazu kommt Schnee: Frischer Schnee kann bis zu etwa 80 Prozent der UV-Strahlung reflektieren. Wer mehrere Stunden auf einer Skipiste, beim Schneeschuhwandern oder bei einer Winterwanderung im Gebirge unterwegs ist, bekommt deshalb UV-Strahlung nicht nur von oben.
Der Kalender ist für den Sonnenschutz also ein ziemlich schlechter Ratgeber. UV-Index, Höhenlage, Schnee, Aufenthaltsdauer und die individuelle Haut spielen eine wesentlich größere Rolle.
Warum bekommt dieser Punkt bei reifer Haut besonderes Gewicht? Nicht weil UV-Strahlung ab dem 60. Geburtstag plötzlich anders funktioniert. Entscheidend ist die Vorgeschichte.
Unsere Haut vergisst jahrzehntelange Sonnenexposition nicht einfach. Alter und hohe kumulative UV-Belastung gehören zu den bekannten Risikofaktoren für aktinische Keratosen und andere UV-bedingte Hautveränderungen. Die Haut, die mit 65 im Schnee der Sonne ausgesetzt ist, hat möglicherweise bereits sechs Jahrzehnte an Sonnenstunden hinter sich.
Dazu kommt die kosmetische Seite. UV-Strahlung beeinflusst Kollagenstrukturen, Pigmentierung, Elastizität und weitere Prozesse der Hautalterung. Sonnenschutz ist deshalb auch bei reifer Haut kein reines Sommerthema.
Eine starre Winterregel nach dem Motto, dass jede Person ab 60 von Oktober bis März jeden Tag denselben Lichtschutz auftragen muss, halte ich dennoch nicht für sinnvoll. Sinnvoller ist es, den Sonnenschutz an die tatsächliche UV-Belastung anzupassen.
Und auch hier gibt es eine klare Grenze: Neu auftretende, dauerhaft raue, schuppende oder sich sichtbar verändernde Hautstellen werden nicht kosmetisch „weggepflegt“, sondern sollten dermatologisch vorher abgeklärt werden.
Reife Haut wird nicht nur trockener, sondern auch verletzlicher
Der Aspekt der mechanischen Belastbarkeit im Zusammenhang mit Hautalterung bekommt in der klassischen Winterpflege erstaunlich wenig Aufmerksamkeit.
Mit zunehmendem Alter verändern sich Epidermis und Dermis, die Verbindung zwischen beiden Hautschichten wird flacher und die Haut wird anfälliger für Reibung und Scherkräfte. Gleichzeitig dauert die Erholung nach einer Belastung länger.
In der Kabine zeigt sich deshalb schnell, dass Trockenheit allein nicht das einzige Kriterium ist. Ebenso wichtig ist die Frage, wie stabil die Haut insgesamt wirkt und welche Belastung sie an diesem Tag verträgt.
Eine bereits trockene, gerötete oder empfindliche Haut muss nicht zusätzlich mit möglichst starken Peelings oder aggressiven Wirkstoffen herausgefordert werden. Mehr ist nicht automatisch besser. Intensität ist kein Qualitätsmerkmal einer kosmetischen Behandlung. Wer meinen Artikel „Schönheit muss leiden!? Schwachsinn.“ kennt, weiß, dass ich zu diesem Thema eine recht eindeutige Meinung habe.
Gerade bei reifer Haut kann Zurückhaltung die anspruchsvollere Entscheidung sein. Eine Behandlung sollte zu dem passen, was die Haut an diesem Tag verträgt, und nicht zu dem, was theoretisch alles möglich wäre.
Was der Winter sichtbar macht
Mit zunehmendem Alter verändern sich einige Voraussetzungen der Haut. Der Winter verändert wiederum die Bedingungen, unter denen sie damit zurechtkommen muss. Kälte, trockene Luft, Wind und je nach Aufenthaltsort auch stärkere UV-Belastung können zeigen, wo eine Haut empfindlicher geworden ist oder Unterstützung benötigt.
Das heißt nicht, dass ab 60 automatisch eine reichhaltigere Pflege ins Badezimmer gehört. Die eine Haut profitiert von mehr Lipiden, eine andere von Urea, wieder eine andere von zusätzlichem Kälteschutz mit einem wasserfreien Oleogel. Bei bestehenden Hautproblemen kommen weitere Faktoren hinzu.
Der Winter verändert also nicht die Grundregel guter Hautpflege. Er macht nur deutlicher, wie unterschiedlich reife Haut reagieren kann. Daran sollte sich Pflege orientieren.
Ihr Mario Goldinger
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