In meiner Arbeit begegnet mir Botox natürlich regelmässig. Menschen kommen zu mir, die es verwenden, die es verwenden möchten, oder die es ausprobiert haben und damit nicht glücklich wurden. Ich erlebe selten, dass jemand vorher wirklich weiß, was dieser Stoff ist und was er im Gesicht macht. Genau darum geht es mir in diesem Beitrag. Es geht nicht um Angstmache, sondern um Klarheit und um die guten Alternativen, die es gibt.
„Botox“ ist ein Markenname. Der Wirkstoff dahinter heißt Botulinumtoxin Typ A und wird vom Bakterium Clostridium botulinum gebildet. Es ist derselbe Stoff, der eine schwere Form der Lebensmittelvergiftung auslöst, den Botulismus. Botulinumtoxin zählt zu den stärksten natürlichen Nervengiften, die wir kennen. In der Medizin wird es in winzigen, kontrollierten Mengen eingesetzt.
Was Botox eigentlich ist
Es ist wichtig zu wissen, dass Botox ursprünglich für medizinische Zwecke entwickelt wurde, etwa zur Behandlung von Muskelverkrampfungen nach einem Schlaganfall oder von Augenmuskelstörungen. Dass entspannte Muskeln auch die Gesichtsmimik glätten, hat man erst später entdeckt.
Und genau hier liegt der Kern: Botulinumtoxin wirkt, indem es an der Verbindung zwischen Nerv und Muskel die Signalübertragung blockiert. Der Botenstoff Acetylcholin wird nicht mehr ausgeschüttet, der Muskel wird gezielt gelähmt. Das ist der gewünschte Effekt und gleichzeitig die Quelle von möglichen Nebenwirkungen. Denn wird ungewollt ein Nachbarmuskel mitgelähmt, entsteht genau das, was niemand will.
Wofür Botox zugelassen ist und was „Off-Label“ bedeutet
Für die Faltenbehandlung ist Botulinumtoxin Typ A in Europa und den USA nur für bestimmte Bereiche der oberen Gesichtshälfte zugelassen. Je nach Präparat sind das die Zornesfalte zwischen den Augenbrauen (Glabella), die Krähenfüße seitlich der Augen und die waagrechten Stirnfalten. Manche Präparate sind sogar ausschließlich nur für die Zornesfalte zugelassen.
Alles andere, etwa Hals, Mundbereich, Kinn oder Nase, ist eine sogenannte Off-Label-Anwendung. Das bedeutet den Einsatz außerhalb der offiziell geprüften und genehmigten Indikation. Off-Label heißt nicht automatisch „gefährlich“, und es heißt auch nicht, dass es dazu gar keine Erfahrung gibt. Aber es heißt, dass dieser konkrete Einsatz nicht im Rahmen der Zulassung untersucht und freigegeben wurde. Man bewegt sich auf der Verantwortung des Behandlers.
Für mich ist das ein Punkt, den man einfach kennen sollte, Es lohnt sich, vorher zu wissen, ob die geplante Behandlung im zugelassenen Bereich liegt oder darüber hinausgeht.
Es gibt übrigens einen Bereich, in dem Botulinumtoxin für mich eine klare Berechtigung hat: die chronische Migräne. Dafür ist es seit 2011 in Europa zugelassen und für manche Betroffene eine echte Erleichterung, wenn andere Therapien nicht mehr greifen. Die Kosten werden in Österreich im Einzelfall geprüft und teilweise auch rückerstattet. Wo es eine echte medizinische Notwendigkeit gibt, stelle ich Botox also nicht in Frage. Mir geht es um die vielen Fälle, in denen es rein kosmetisch und oft sehr gedankenlos eingesetzt wird.
Wenn das Gesicht hängt
Das Argument, das ich am häufigsten höre, lautet: „Das ist doch Routine, da kann nichts passieren.“ Die medizinische Fachliteratur sieht das differenzierter. In zwei Übersichtsarbeiten im Journal of Cosmetic Dermatology (Kassir et al. 2020 und Kroumpouzos et al. 2021) sind die typischen Komplikationen gut zusammengetragen:
- Hängende Augenbraue (Brauenptosis): eine Komplikation bei Behandlung des Stirnmuskels. Die berichtete Häufigkeit liegt je nach Studie bei unter 1 bis etwa 5 Prozent.
- Hängendes Oberlid: entsteht, wenn der Wirkstoff in die Augenregion wandert. Das kann erst 7 bis 10 Tage nach der Behandlung auftreten und 2 bis 4 Wochen oder länger anhalten.
- Asymmetrien: ein Effekt, ausgelöst durch die Platzierung der Injektion oder durch ungleiche Dosierung auf beiden Seiten. Bekannt ist die hochgezogene „Spock-Braue“.
- Im Mund- und Unterkieferbereich kann es zu Lippenasymmetrie kommen: Schwierigkeiten beim Aussprechen bestimmter Laute, die Lippen nicht mehr fest schließen zu können, bis hin zu Speichelaustritt. Diese Komplikationen gelten als selten, treten aber auf, wenn der Wirkstoff in die falschen Muskeln gerät.
Eines muss ich dazusagen: Die Autoren betonen, dass die meisten dieser Komplikationen vermeidbar und in der Regel vorübergehend sind. Die Hauptursachen sind laut den Reviews mangelnde anatomische Kenntnis und schlechte Injektionstechnik. Genau das ist mein Punkt: Das Ergebnis hängt massiv vom Können des Behandlers ab. Ein Millimeter entscheidet. Und eine systematische Übersichtsarbeit zeigte deutlich mehr Nebenwirkungen unter Botulinumtoxin A als unter einem Scheinpräparat. Das Risiko ist also nicht null, auch wenn es im Einzelfall gering ist.
Allergien und Unverträglichkeiten als unterschätzte Thema
Botox ist ein bakterielles Fremdeiweiß. Dass das Immunsystem darauf reagieren kann, ist in der Fachwelt ein anerkanntes, fortlaufend diskutiertes Thema, nicht meine private Meinung.
In großen Untersuchungen mit jeweils über 5.000 Personen wurden Überempfindlichkeitsreaktionen bei etwa 2 bis 3 Prozent beschrieben, meist vorübergehende Rötung, Schwellung oder Nesselsucht (zusammengefasst in Bian et al. 2025). Das ist nicht dramatisch, aber es ist auch nicht nichts.
Dazu kommen einzelne, gut dokumentierte Fälle, die zeigen, was im Ausnahmefall passieren kann. Ich nenne sie ausdrücklich als Einzelfälle, damit hier nichts überzeichnet wird:
- In einem Einzelfallbericht (Bian et al. 2025) entwickelte eine Frau, die über Jahre problemlos behandelt worden war, plötzlich eine verzögerte allergische Hautreaktion mit Gesichtsschwellung, die über einen Monat anhielt, und das Botox wirkte danach gar nicht mehr, auch nicht nach Präparatewechsel. Die Autoren führen das auf Antikörper zurück, die der Körper nach wiederholten Injektionen gebildet hatte.
- In einer Fallserie mit drei Patientinnen (Lin et al. 2024) trat eine leicht zu übersehende Reaktion auf: eine nicht juckende Rötung am Brustkorb. Die Reaktionen waren mild und gingen wieder weg. Die Empfehlung der Autoren ist trotzdem deutlich: bei einer solchen Reaktion die nächsten Injektionen mindestens drei Monate aussetzen.
- In einem weiteren Einzelfall (Careta et al. 2015) entwickelte eine Patientin schon wenige Minuten nach der Injektion Nesselsucht; die Allergie wurde durch einen Hauttest bestätigt.
Zwei Dinge nehme ich daraus mit. Erstens, das Risiko steigt mit der Zahl der Behandlungen, weil der Körper Antikörper bilden kann. Zweitens, gerade kurze Abstände zwischen den Sitzungen, das schnelle „Nachspritzen“, gelten als ungünstig. Wer Botox also regelmäßig und häufig auffrischen lässt, sammelt genau die Risiken, über die hier gesprochen wird.
Gedankenlos oder bewusst
Mein Anliegen ist nicht, Botox aus der Welt zu schaffen. Mein Anliegen ist, dass Menschen aufhören, es gedankenlos zu verwenden. Es ist ein hochwirksames Medikament, kein Lifestyle-Accessoire. Wenn es eingesetzt wird, dann bewusst, selten und bei jemandem, der sein Handwerk versteht.
Und in sehr vielen Fällen braucht es das gar nicht. Denn die Haut kann viel mehr, als die meisten ihr zutrauen, wenn man sie richtig behandelt.
Die Alternativen, mit denen ich arbeite
Mein Ansatz beginnt nicht beim Glätten, sondern bei der Hautgesundheit. Eine Haut, die gut versorgt, beruhigt und in ihrer eigenen Regeneration unterstützt wird, sieht entspannter und frischer aus, ganz ohne Nervengift.
Algen: In meiner Arbeit und in meiner eigenen Maske setze ich stark auf Algen. Sie durchfeuchten intensiv, beruhigen die Haut und sind ausgesprochen gut verträglich. Bekannte Allergien auf Algen sind die große Ausnahme. Für mich sind sie das Fundament, auf dem alles andere erst wirken kann.
Wirkstoffe mit „Botox-ähnlichem“ Effekt zum Auftragen: Es gibt Peptide, die in der Forschung als „botox-like“ beschrieben werden, weil sie an demselben Schaltpunkt ansetzen wie Botulinumtoxin, nur ohne Spritze und in deutlich milderer Form:
- Acetyl Hexapeptide-8 (Argireline): ein synthetisches Peptid, das einem Baustein der Muskel-Signalübertragung (SNAP-25) nachempfunden ist und die Muskelaktivität dämpfen soll.
- Pentapeptide-18: wirkt über einen ähnlichen Mechanismus und ergänzt das erste Peptid.
- Arginin: wird in diesem Zusammenhang ebenfalls genannt.
Versprechen will ich hier nichts, was ich nicht halten kann. Diese Wirkstoffe wirken milder und reversibel, und ihr Effekt hängt stark davon ab, wie tief sie in die Haut gelangen. Ein direkter Vergleich mit der Wirkstärke einer Injektion existiert wissenschaftlich nicht (Übersichtsarbeiten 2025, u. a. International Journal of Molecular Sciences und Journal of Drugs in Dermatology). Wer also einen sofortigen, dramatischen Spritzeffekt erwartet, wird enttäuscht. Wer auf eine schonende, kontinuierliche Pflege setzt, hat hier eine echte Option ohne Risiko von Lähmung oder Allergie.
Wenn schon Botox, dann wenigstens klug ergänzt.
Es gibt Produkte, die genau dafür entwickelt wurden. Ein Beispiel ist der BX Falten-Corrector von Sothys, der einen kosmetischen Botulinumtoxin-Effekt über hautentspannende Peptide erzielt. Interessanterweise enthält er ebenfalls Acetyl Hexapeptide-8 und Pentapeptide-18. In einer herstellereigenen klinischen Beobachtungsstudie mit 30 Probanden, die zuvor eine Botulinumtoxin-Injektion erhalten hatten, steigerte das Produkt nach Angaben des Herstellers in 87 % der Fälle die Wirksamkeit der Injektion und verlängerte in 63 % der Fälle deren Wirkdauer. Das ist eine kleine Studie und kommt vom Hersteller, das gehört dazugesagt. Aber für jemanden, der ohnehin spritzt, kann so etwas helfen, seltener zur Nadel greifen zu müssen.
Apparativ statt invasiv. Für die gezielte Faltenbehandlung biete ich außerdem die Micro-Dermobooster-Behandlung an, die ich auf meiner Homepage genauer beschreibe, als Alternative zur Faltenglättung, komplett ohne Injektion.
Erst die Haut, dann die Nadel
Botox ist nicht der Teufel, und es hat dort seinen Platz, wo es medizinisch wirklich gebraucht wird. Aber es ist ein potentes Nervengift mit realen Risiken, von hängenden Lidern und Asymmetrien bis zu Allergien, die mit jeder weiteren Behandlung wahrscheinlicher werden. Das meiste davon hängt am Können des Behandlers. Und vieles erübrigt sich ganz, wenn man früher ansetzt, nämlich bei einer gesunden, gut versorgten Haut, die solche Eingriffe oft gar nicht nötig macht.
Mein Rat aus über zwei Jahrzehnten Praxis: Erst die Grundlagen, dann das Feine. Und wenn überhaupt gespritzt wird, dann bewusst und selten, nicht, weil es gerade alle machen.
Sie möchten wissen, was Ihre Haut wirklich braucht, bevor Sie zur Spritze greifen? Ich freue mich auf Sie in meinem Salon. Termin vereinbaren
Ihr Mario Goldinger
Quellen
- Kassir M, Gupta M, Galadari H, et al. Complications of botulinum toxin and fillers: A narrative review. J Cosmet Dermatol. 2020;19:570–573. https://doi.org/10.1111/jocd.13266
- Kroumpouzos G, Kassir M, Gupta M, Patil A, Goldust M. Complications of Botulinum toxin A: An update review. J Cosmet Dermatol. 2022;20:1585–1590. https://doi.org/10.1111/jocd.14160
- Bian Y, Zhang C, Wang S, Zhang L, Cai H. A Rare Case of Delayed-Onset Hypersensitivity Reaction and Complete Secondary Treatment Failure Following Repeated Cosmetic Botulinum Toxin Type A Injections. J Cosmet Dermatol. 2025;24:e70145. https://doi.org/10.1111/jocd.70145
- Lin et al. Mild Allergic Reactions after Botulinum Toxin Injection: A Case Series and Literature Review. Plast Reconstr Surg Glob Open. 2024. https://journals.lww.com/prsgo/fulltext/2024/05000/mild_allergic_reactions_after_botulinum_toxin.69.aspx
- Careta MF, et al. Report of Allergic Reaction After Application of Botulinum Toxin. 2015. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/26063836/
- Übersichtsarbeiten zu Acetyl Hexapeptide-8 (Argireline): Int J Mol Sci. 2025. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC12193160/ · J Drugs Dermatol. 2025. https://jddonline.com/articles/acetyl-hexapeptide-8-as-topical-alternative-botulinum-toxin-review-of-literature-S1545961625P8760X
- Zulassung kosmetischer Indikationen: https://cosmoderma.org/where-and-how-to-use-botulinum-toxin-on-the-face-and-neck-indications-and-techniques/
- Botulinumtoxin bei chronischer Migräne (Zulassung 2011, Kostenübernahme im Einzelfall): gesund.co.at (Interview Prof. Wöber, MedUni Wien) · orasche.at · sante-femme.at
- Produktinformation Sothys BX Falten-Corrector (Herstellerangaben, Beobachtungsstudie mit 30 Probanden).





