Wenn Product Hopping zur Diagnose wird

Es gibt eine Hautkrankheit, die kaum jemand beim Namen kennt und die trotzdem immer häufiger in meiner Kabine auftaucht. Sie heißt Periorale Dermatitis. Im Volksmund wird sie auch „Stewardessenkrankheit“ genannt, und dieser Name beschreibt ziemlich genau, worum es geht.

Flugbegleiterinnen reisen viel. Sie wechseln Klimazonen, Wasserarten und Pflegeprodukte. An jedem Flughafen liegen Pröbchen bereit, in jeder Parfümerie der Welt warten neue Marken, neue Cremen, neue Versprechen. Dieses ständige Hin und Her, das sogenannte Product Hopping, gehört zu den häufigsten Auslösern jenes Hautbildes, das so viele Frauen über Monate oder Jahre begleitet, ohne dass sie wissen, was sie da eigentlich an sich tragen.

Wie sie aussieht

Auf den ersten Blick wirkt sie wie eine Mischung aus Akne und Rosazea: kleine rötliche Knötchen, manchmal mit feinen Pusteln, oft begleitet von schuppenden Stellen. Was sie verrät, ist die Verteilung. Die Knötchen sammeln sich rund um den Mund, in den Nasolabialfalten und manchmal auch um die Augen. Und dann ist da dieses eine Detail, das Fachleuten sofort ins Auge sticht: Direkt am Lippenrand bleibt ein schmaler, blasser Streifen frei. Dieser ausgesparte Saum ist eines der typischsten Erkennungsmerkmale. Wer das Muster einmal gesehen hat, erkennt es sofort wieder. Trotzdem wird die Periorale Dermatitis erstaunlich oft mit Akne, einer Allergie oder einer schlichten Hautirritation verwechselt – mit dem Ergebnis, dass die Betroffenen zu Produkten greifen, die das Problem genau verstärken.

Woher sie kommt

Die Wissenschaft ist sich bei der Ursache nicht ganz einig. Was inzwischen gut belegt ist: Drei Dinge spielen zusammen. Eine geschwächte Hautbarriere, eine entzündliche Reaktion und ein verändertes Hautmikrobiom.

Was diese Faktoren bei meinen Kundinnen und Kunden ins Rollen bringt, lässt sich aber recht klar benennen.

  • Da ist zunächst das Product Hopping. Das ständige Wechseln zwischen Marken, Seren, Masken und Cremen. Die Haut muss sich täglich auf neue Inhaltsstoffe einstellen. Eine Beruhigung wird so unmöglich.
  • Duftstoffe sind ein eigenes Kapitel. Was die Industrie für das gute Gefühl ins Produkt mischt, ist für eine bereits gereizte Haut häufig der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt.
  • Hinzu kommen Emulgatoren. Sie sorgen dafür, dass Wasser und Fett im Produkt zusammenbleiben. In der Pflege empfindlicher Hautbilder gehören sie zu den am häufigsten unterschätzten Reizfaktoren. 
  • Kortison, ob in der Hautcreme oder über das Asthma-Spray inhaliert, ist einer der häufigsten Auslöser. Beim Absetzen ist Vorsicht geboten. Wer es abrupt weglässt, riskiert einen Rückschlag. Es sollte über mehrere Wochen schrittweise reduziert werden
  • Und man glaubt es kaum:  fluorhaltige Zahnpasten. Gerade rund um den Mund spielt das eine größere Rolle, als die meisten denken. Manche Kundinnen und Kunden sind erstaunt, wenn sich das Hautbild nach dem Wechsel der Zahnpasta innerhalb weniger Wochen bessert.

So unterschiedlich diese Auslöser klingen, so ähnlich ist ihre Wirkung. Sie überfordern die Barriere. Wer gerne probiert, neue Marken kennenlernt und sich an Trends orientiert, gibt der Haut keine Chance, sich auf ein System einzustellen. Probieren ist nicht falsch. Aber Dauer-Probieren rächt sich irgendwann.

Was die Null-Diät kann und was nicht

Wer dazu recherchiert, landet schnell bei der sogenannten Null-Diät. Die Idee dahinter ist, sämtliche Pflege, Reinigung und Cremen wegzulassen und sich für eine Weile nur auf Wasser und Geduld zu verlassen.

Dieser Ansatz hat seine Berechtigung und in manchen Fällen funktioniert er auch. Mein Eindruck ist aber, dass die Null-Diät nicht immer funktioniert. Und für viele Betroffene ist es kaum durchzuhalten, vor allem dann, wenn die Haut zuerst schlechter wird, bevor sie besser wird.

Es geht aber auch anders.

Mein Ansatz

Statt der Haut alles vorzuenthalten, geht es darum, ihr genau das zu geben, was sie braucht und konsequent das wegzulassen, was sie krank macht. Periorale Dermatitis hat eine Eigenheit, die in der Standardbehandlung selten erwähnt wird. Sie reagiert empfindlich auf den pH-Wert. Und zwar nicht in die Richtung, die man erwartet.

Meine Erfahrung nach vielen Behandlungen zeigt:  wenn die Pflege im leicht sauren Bereich gehalten wird, beruhigt sich das Hautbild bei den meisten Betroffenen innerhalb weniger Wochen. Vorausgesetzt, der Rest stimmt auch.

Vier Punkte sind dabei nicht verhandelbar.

  • Fettfrei. Keine okklusiven Öle, keine Lipide auf Mineralölbasis oder Bienenwachs. Die Haut bekommt das, was ihr fehlt, also Feuchtigkeit und nicht das, was sie zusätzlich belastet.
  • Ohne Duftstoffe. Weder versteckte Dufstoffe, noch „natürliche“. Eine reaktive Haut profitiert von Stille im Produkt.
  • Ohne Emulgatoren. Damit fallen viele Standardprodukte weg. Was bleibt, wirkt dafür auch dort, wo sich die Haut sonst verschließt.
  • Leicht sauer. Der pH-Wert wird in der Pflege bewusst niedrig gehalten. Die Erkrankung mag das nicht und genau das nutzen wir aus.

Dazu kommt die Disziplin. Eine Routine und kein wildes Wechseln mehr. Wer das durchzieht, sieht erste Veränderungen meist schon nach wenigen Wochen.

Provokation als Methode

Es gibt einen weiteren Weg, der auf den ersten Blick paradox klingt. Die kontrollierte Provokation mit einer milden Fruchtsäure. Die Idee dahinter ist konsequent. Wenn die Erkrankung den sauren pH-Wert meidet, dann ist genau dieser pH-Wert ein Werkzeug. Eingesetzt wird das in der Kabine, in kleinen Dosierungen, mit klarer Beobachtung von Termin zu Termin.

Was dabei passiert, überrascht viele Kundinnen und Kunden. Die Haut reagiert kurz und beruhigt sich dann auf eine Weise, die wochenlange Pflege zu Hause nicht erreicht. Stellen, an denen die Knötchen seit Jahren sitzen, werden allmählich glatter.

Diese Methode gehört in fachkundige Hände. Wer das zu Hause auf eigene Faust versucht, verschlimmert das Hautbild oft. Im Salon und nur dort lässt sich der pH-Wert kontrolliert führen.

Drei Punkte, die ich Ihnen mitgebe

Ob Sie nun in meinen Salon kommen oder nicht, drei Dinge können Sie ab heute angehen.

  • Schauen Sie in Ihren Pflegeschrank. Wie viele verschiedene Marken stehen dort? Wie viele Produkte verwenden Sie wirklich regelmäßig? Reduzieren Sie bewusst und dauerhaft.
  • Sprechen Sie bei Kortison mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt. Egal, ob als Creme, Spray oder Inhalator. Nicht abrupt absetzen. Begleitet ausschleichen. Ein abruptes Ende führt fast immer zu einem heftigen Schub.
  • Streichen Sie für ein paar Wochen alles, was duftet. Auch das Lieblingsprodukt oder die teure Creme. Sie werden Beobachtungen machen, mit denen Sie nicht gerechnet haben.

Keine Niederlage, sondern ein Hinweis

Wer Periorale Dermatitis hat, hat nichts falsch gemacht. Die Haut reagiert auf etwas, das andere problemlos vertragen. Das ist nicht Ihr Versagen, sondern ihre individuelle Reaktion. Wichtig ist nur, sie nicht weiter zu reizen, sondern endlich zu lesen, was sie schon lange sagt.

Wenn Sie sich in diesem Beitrag wiedergefunden haben, dann lassen Sie es nicht länger laufen. Dieses Hautbild ist mit dem richtigen Ansatz gut in den Griff zu bekommen. Es braucht nur jemanden, der hinsieht.

Ihr Mario Goldinger

Sie möchten Ihr Hautbild von mir beurteilen lassen? Ich freue mich auf Sie in meinem Salon in Wien – https://mariogoldinger.at/termin/