Neulich fragte mich eine Kundin nach einer Sonnencreme, die „korallenfreundlich“ sei. Sie hatte im Urlaub davon gelesen und mir ein Foto der Inhaltsstoffe dieser Sonnencreme mitgebracht. Wir gingen die Liste zusammen durch. Ganz oben stand ein Wort, das die meisten Menschen noch nie bewusst wahrgenommen haben: Octocrylen. Ausgerechnet in dem Produkt, das die Umwelt schonen sollte.
Was Octocrylen eigentlich ist
Octocrylen ist einer der häufigsten UV-Filter überhaupt. Und er steckt nicht nur in billiger Ware, sondern auch in teuren Sonnencremes, in Tagescremes mit Lichtschutzfaktor, in Make-up, Lippenpflege und Anti-Aging-Produkten. Höchste Zeit, dass wir darüber sprechen, was dieser Stoff eigentlich tut – und vor allem, wohin er danach verschwindet. Denn das tut er nicht.
Octocrylen ist ein chemischer UV-Filter. Er nimmt die Energie der UV-Strahlung auf und gibt sie als Wärme wieder ab. Er ist wasserfest, günstig in der Herstellung und stabilisiert andere Filter, allen voran das lichtempfindliche Avobenzon. Aus Sicht des Herstellers ist er ein kleines Multitalent. Aus Sicht der Haut und der Umwelt sieht die Sache etwas anders aus.
Der Stoff, der sich in der Flasche verändert
Das vielleicht Überraschendste zuerst: Octocrylen bleibt nicht das, was es einmal war. Laut einer 2021 im Fachjournal Chemical Research in Toxicology veröffentlichten Studie von Craig Downs und Kollegen zerfällt Octocrylen mit der Zeit zu Benzophenon – und zwar direkt in der Tube. Benzophenon gilt als potenziell krebserregend und steht im Verdacht, in den Hormonhaushalt einzugreifen.
Die Zahlen aus der Studie sind eindrücklich. Nach einem beschleunigten Alterungstest, der ungefähr einem Jahr bei Raumtemperatur entspricht, stieg der Benzophenon-Gehalt in den untersuchten Produkten um rund 39 bis fast 200 Prozent. Und laut den Autoren können bis zu 70 Prozent dieses Benzophenons über die Haut aufgenommen werden.
Jetzt die Einordnung, die dazugehört, denn ich möchte niemanden unnötig erschrecken: Das EU-Wissenschaftsgremium für Verbrauchersicherheit (SCCS) hat Octocrylen 2021 geprüft und kam zu dem Schluss, dass es als UV-Filter in Konzentrationen bis zu zehn Prozent sicher verwendet werden kann. Octocrylen ist in Europa also erlaubt und zugelassen. Trotzdem stufen unabhängige Verbrauchermagazine wie Öko-Test Produkte mit diesem Filter regelmäßig ab, und Fachleute raten davon ab, alte, lange geöffnete Sonnencremes noch aufzubrauchen. Aus gutem Grund, wie die Studie nahelegt.
Wenn der Sonnenschutz ins Meer geht
Der Teil, der mich darüber hinaus auch beschäftigt, spielt sich nicht auf der Haut ab, sondern im Wasser. Nach Schätzungen, die auf eine wissenschaftliche Arbeit aus dem Jahr 2015 zurückgehen und unter anderem vom Smithsonian und der US-Meeresbehörde NOAA zitiert werden, gelangen jedes Jahr rund 14.000 Tonnen Sonnencreme in die Gewässer der Welt, teils direkt beim Baden, teils über das Abwasser. Der US-Nationalparkdienst schätzt, dass davon zwischen 4.000 und 6.000 Tonnen in Korallenriffgebieten landen.
Diese Filter reichern sich in Korallen und Meerestieren an und stehen im Verdacht, die Korallenbleiche mitzuverursachen. Ehrlich muss man dazusagen: Am besten belegt ist dieser Effekt bislang für einen verwandten Filter namens Oxybenzon, der in Regionen wie Hawaii und Palau bereits verboten ist. Octocrylen gilt als mitverdächtig, die Forschung dazu läuft noch. Und ein Übersichtsbericht der US-amerikanischen National Academies aus dem Jahr 2022 hält fest, dass die im Meer tatsächlich gemessenen Konzentrationen meist niedriger liegen als jene, die im Labor Schäden auslösen. Das Bild ist also nicht so einfach, wie manche Schlagzeile es macht. Aber der Stoff ist da, weltweit, und er baut sich nicht von selbst ab.
Warum die Kläranlage an ihre Grenzen kommt
Und damit sind wir bei etwas, das viele überrascht: Man muss gar nicht im Meer baden, um zum Problem beizutragen. Wer sich zu Hause die Sonnencreme abduscht, schickt Octocrylen direkt in den Wasserkreislauf. Und die Kläranlage bekommt es nur zum Teil wieder heraus.
Eine spanische Langzeitstudie, die über ein Jahr das Abwasser einer Kläranlage untersuchte, fand Octocrylen dauerhaft im gereinigten Wasser wieder. Die Abbaurate lag unter 70 Prozent, ein Teil reicherte sich zusätzlich im Klärschlamm an. Auch ein größerer Übersichtsartikel im Journal of the American Academy of Dermatology hält fest, dass sich solche UV-Filter mit den üblichen Techniken der Kläranlagen nicht ohne Weiteres entfernen lassen. Was einmal im Kreislauf ist, bleibt also eine Weile dort.
Was Sie tun können
Zuerst das Wichtigste: Sonnenschutz bleibt Pflicht. Es geht hier nicht darum, auf Schutz zu verzichten, sondern darum, bewusster zu wählen.
Werfen Sie einen Blick auf die Inhaltsstoffe – Octocrylen steht dort als „Octocrylene“. Seien Sie beim Wort „korallenfreundlich“ ruhig kritisch, denn es ist nicht geschützt und sagt für sich genommen wenig aus. Eine gute Alternative sind mineralische Filter wie Zinkoxid, die anders wirken und die genannten Probleme nicht mitbringen. Und trennen Sie sich von alten, lange offenen Sonnencremes, statt sie noch ein weiteres Jahr aufzubrauchen.
Zum Schluss
Sie kennen meine Haltung aus anderen Beiträgen: Ich mag keine Inhaltsstoffe, die enthalten sind, ohne enthalten sein zu müssen. Bei Octocrylen ist das für mich so ein Fall. Der Filter tut, was er soll, aber er hört danach nicht auf. Er bleibt auf uns, im Meer und in dem Wasser, das wir alle teilen. Und das ist Grund genug, genauer hinzusehen. Wer auf Nummer sicher gehen möchte: Die SOTHYS – Paris Produkte, mit denen ich in meinem Salon arbeite, kommen vollkommen ohne Octocrylen aus. Wenn Sie unsicher sind, was in Ihren eigenen Produkten steckt, bringen Sie sie einfach mit und wir schauen gemeinsam auf die Liste.
Ihr Mario Goldinger
Quellen:
Downs, C. A. et al. (2021): Benzophenone Accumulates over Time from the Degradation of Octocrylene in Commercial Sunscreen Products. Chemical Research in Toxicology, 34(4), 1046–1054.
Scientific Committee on Consumer Safety (SCCS) (2021): Opinion on Octocrylene (SCCS/1627/21), angenommen am 30.–31. März 2021. Europäische Kommission.
Smithsonian Ocean / NOAA: The Truth About Corals and Sunscreen (mit Verweis auf die Schätzung von rund 14.000 Tonnen, zurückgehend auf Downs et al. 2015).
U.S. National Park Service: Sunscreen – Oceans, Coasts & Seashores (Schätzung 4.000–6.000 Tonnen jährlich in Korallenriffgebieten).
National Academies of Sciences, Engineering, and Medicine (2022): Review of Fate, Exposure, and Effects of Sunscreens in Aquatic Environments.
Removal of personal care products (PCPs) in wastewater and sludge treatment and their occurrence in receiving soils (2019), Langzeitstudie an einer Kläranlage in Südspanien.
Schneider, S. L.; Lim, H. W. (2019): Review of environmental effects of oxybenzone and other sunscreen active ingredients. Journal of the American Academy of Dermatology.





