Vom Schlachtabfall zum Beauty-Trend

Es gibt Trends, die ich beobachte und denke: Da ist was dran. Und es gibt Trends, bei denen ich stutzig werde. Rindertalg in der Kosmetik gehört eindeutig in die zweite Kategorie.

Wer in den letzten Monaten auf Social Media unterwegs war, hat es vermutlich gesehen. Influencerinnen und Influencer schmieren sich ausgelassenes Rinderfett ins Gesicht und behaupten, dass ihre Haut noch nie so gut ausgesehen hat. Das Argument, das dabei am häufigsten fällt: Rindertalg ist dem menschlichen Talg sehr ähnlich, also kann er gar nicht schaden.

Ich habe mir das genauer angeschaut. Und je tiefer ich in das Thema eingestiegen bin, desto klarer wurde mir: Hier wird gerade aus einem Schlachtabfall ein Premiumprodukt gemacht. Mit dem Label „natürlich“, „nachhaltig“ und „biokompatibel“. Preise zwischen 30 und 50 Euro für eine Dose. Manche Anbieter lassen einen sogar die Rinderrasse auswählen.

Der Denkfehler hinter dem Hauptargument

Ja, Rindertalg enthält ähnliche Fettsäuren wie menschliches Sebum, das stimmt. Was dabei verschwiegen wird, ist aber, was Sebum noch alles enthält und was Rindertalg eben nicht hat.

Menschliches Sebum besteht zu rund 12 Prozent aus Squalen und zu 26 Prozent aus Wachsestern. Diese beiden Bausteine kommen in dieser Form ausschließlich in menschlichem Talg vor. Im Rindertalg sind sie schlicht nicht vorhanden. Wer also behauptet, Rindertalg sei dem menschlichen Talg „fast identisch“, erzählt nur die halbe Wahrheit.

Aber das ist nur das eine.

Das viel wichtigere Argument ist ein ganz anderes: Wir wollen den Talg auf der Haut gar nicht aufbauen. Wir wollen ihn ausgleichen.

Genau das ist die Aufgabe einer guten Kosmetik. Eine Haut, die zu viel Talg produziert, leidet bereits unter diesem Überschuss. Eine sehr trockene Haut wiederum braucht keine Talgschicht obenauf, sondern Pflege, die ihre eigenen Reparaturmechanismen unterstützt. In beiden Fällen ist mehr Fett von außen nicht die Lösung.

Mal abgesehen davon, ich würde mir nicht einmal meinen eigenen Talg ins Gesicht schmieren. Und schon gar nicht den von jemand anderem. Geschweige denn den eines anderen Lebewesens.

Was passiert, wenn man Talg auf die Haut schmiert

Dazu muss man wissen, was Unreinheiten oder auch Akne überhaupt auslöst. Studien zeigen seit Jahrzehnten, dass Haut, die zu Unreinheiten neigt, einen Mangel an Linolsäure und einen Überschuss an Ölsäure aufweist. Dieser Mangel ist einer der zentralen Auslöser dafür, dass Poren sich verstopfen und Mitesser entstehen. Dazu kommt ein zweiter Faktor: das Aknebakterium (Cutibacterium acnes). Es vermehrt sich besonders gut in Talg und unter okklusiven Schichten, also genau dort, wo viel Fett auf der Haut liegt und keine Luft mehr drankommt. Akne ist also nicht ausschließlich eine Frage der Gene, sondern kann auch durch das ausgelöst werden, was wir auf die Haut auftragen. Man spricht dann von einer Kosmetik-Akne.

Und jetzt raten Sie, womit Rindertalg gespickt ist?

Mit etwa 40 bis 45 Prozent Ölsäure, also genau jener Fettsäure, von der Problemhaut ohnehin schon zu viel hat. Dazu rund 30 Prozent Palmitinsäure, die stark okklusiv wirkt und die Poren versiegelt. Linolsäure, jene Fettsäure, die Haut mit Tendenz zu Unreinheiten tatsächlich brauchen würde, ist nur in winzigen Spuren enthalten. Squalen und Wachsester fehlen ohnehin.

Das ist nicht meine Meinung. Das sind Daten aus der Lipidforschung.

Die führende US-amerikanische Krebsklinik MD Anderson hat dazu eindeutig Stellung bezogen: Rindertalg ist komedogen. Das heißt, er verstopft Poren und kann Akne auslösen. Und er ist okklusiv, was so viel bedeutet, dass er Bakterien, abgestorbene Hautzellen und körpereigenen Talg unter sich einschließt. Damit schafft man auf der Haut den perfekten Nährboden für Entzündungen.

Die Falle dauert Wochen

Was viele Anwenderinnen und Anwender derzeit auf Social Media berichten, lautet sinngemäß: „Meine Haut fühlt sich so gepflegt an, ich bin begeistert.“

Genau das ist das Tückische an dieser Sache. Eine Akne entwickelt sich nicht über Nacht, sondern über Wochen. Was sich in den ersten Tagen wie eine wohlige Pflegeschicht anfühlt, ist in Wahrheit ein dichter Film, unter dem sich langsam aber sicher die Probleme aufbauen, die später als ausgewachsener Pickel sichtbar werden.

Wer eine Bewertung nach drei Tagen abgibt, hat die Wirkung noch gar nicht gesehen.

Das Gespräch mit der Fleischerin

Ich habe mit Fleischern gesprochen, weil ich wissen wollte, ob ich etwas übersehe. Vielleicht gibt es ja eine alte handwerkliche Tradition, die ich nicht kenne. Bei Schweineschmalz und Ringelblumensalben weiß man ja, dass die Verwendung früher Gang und gebe war.

Eine Fleischerin, 87 Jahre alt, aus einer alten Fleischhauer-Familie, hat mir gesagt, dass  Rindertalg nie eine Sache für die Kosmetik war. Das war Schlachtabfall der vom “Knochenmann“ abgeholt wurde. Manche haben ihn früher zum Braten verwendet. Und die Bäcker haben damit Krapfen herausgebacken, die dann besonders gut geschmeckt haben.

Für die Haut, sagte sie, habe das ihres Wissens niemand verwendet. Nie.

Auch das Braten mit Rinderfett ist mit der Zeit aus den meisten Küchen verschwunden, weil man in den 70er- und 80er-Jahren erkannt hat, wie problematisch diese sehr festen tierischen Fette für die Blutgefäße sind. Was die Arterien verstopft, hat eben auch auf einer dünnen Hautschicht nichts verloren.

Was hier wirklich passiert

Das ist der Punkt, der mich an dieser ganzen Geschichte am meisten beschäftigt. Was wir hier sehen, ist ein klassisches Beispiel dafür, wie aus einem Nebenprodukt mit Hilfe von Marketing ein Premiumprodukt wird.

Wer sich die einschlägigen Posts genauer ansieht, erkennt schnell ein Muster: Die Begeisterung kommt fast ausnahmslos von Menschen, die mit dem Produkt in irgendeiner Form Geld verdienen. Dermatologinnen und Dermatologen kommen in den Empfehlungen praktisch nicht vor. Wenn sie sich zu Wort melden, dann mit Warnungen.

Dazu kommt ein ganz praktischer Punkt, der bei aller Begeisterung gerne untergeht. Rindertalg wird schnell ranzig, selbst wenn er gut gereinigt ist. Was passiert, wenn man so etwas im Sommer im Kosmetiktäschchen mit sich herumträgt, will ich mir gar nicht ausmalen. Damit das Produkt nicht stinkt, werden Duftstoffe zugesetzt und schon ist der Punkt mit den „reinen, natürlichen Inhaltsstoffen“ auch wieder vom Tisch.

Was bleibt

Ich verstehe die Sehnsucht nach einfachen Produkten die schnell wirken. Aber Einfachheit ist nicht dasselbe wie Beliebigkeit und natürlich ist nicht dasselbe wie sinnvoll.

Rindertalg auf die Haut zu schmieren ist nicht falsch, weil er aus einem Tier kommt. Es ist falsch, weil er auf der Haut genau das tut, was wir bei jeder Form von Unreinheit, Empfindlichkeit oder unausgeglichener Haut zu vermeiden versuchen. Er verstopft, er belastet, er sorgt im besten Fall für ein kurzes Wohlgefühl und im schlechtesten für genau die Probleme, die viele Menschen jahrelang versuchen loszuwerden.

Nur weil etwas auf Social Media millionenfach geklickt wird, heißt das nicht, dass es funktioniert. Und nur weil etwas als „natürlich“ bezeichnet wird, heißt das noch lange nicht, dass es zu Ihrer Haut passt.

Bevor Sie sich auf einen Trend einlassen, hören Sie kurz hin. Auf die Wissenschaft, auf Menschen, die mit Haut tagtäglich arbeiten und auf sich selbst. Die Haut sagt Ihnen meistens schon ziemlich genau, was sie braucht, sie sagt es nur oft zu leise.

Ihr Mario Goldinger