Es gibt einen Begriff, der sich in der Kosmetikwelt so selbstverständlich etabliert hat, dass kaum jemand ihn noch hinterfragt: “pflanzliches Kollagen”. Er steht auf Cremes, Seren und Masken, er klingt modern, ethisch, sauber. Und er hat einen kleinen Schönheitsfehler.
Pflanzliches Kollagen gibt es nicht. Keine einzige Pflanze auf dieser Welt produziert Kollagen. Keine.
Was Kollagen überhaupt ist
Kollagen ist ein Strukturprotein. Es ist das häufigste Eiweiß in unserem Körper und sorgt dafür, dass das Gewebe fest und gleichzeitig elastisch bleibt. Ohne Kollagen wäre die Haut keine Haut, sondern eine weiche Masse ohne Halt. Kollagen steckt in Knochen, Knorpeln, Sehnen, Muskeln und eben auch in der Lederhaut, wo es von sogenannten Fibroblasten gebildet wird. Mit den Jahren lässt diese Produktion nach, zusätzlich können Stress, Krankheiten, Medikamente und hormonelle Veränderungen den Abbau beschleunigen. Das Ergebnis kennen wir alle: Die Haut verliert an Spannkraft, Linien werden sichtbarer, die Kontur weicher.
Soweit die Theorie, die viele bereits kennen. Der entscheidende Punkt ist jedoch, dass Kollagen ausschließlich im tierischen und menschlichen Organismus entsteht. Pflanzen bauen ihre Struktur ganz anders auf, nämlich über Zellulose, Lignin und andere Gerüststoffe. Ein Kollagenmolekül, wie wir es in der Haut haben, kommt in der botanischen Welt schlicht nicht vor.
Woher Kollagen in Kosmetik tatsächlich kommt
Wenn auf einem Produkt „Kollagen“ steht und es sich nicht um ein pflanzliches Analogon handelt (dazu gleich mehr), dann stammt der Wirkstoff in aller Regel aus einer dieser beiden Quellen:
- Bovines Kollagen Diese Variante stammt vor allem aus Rindern, typischerweise aus dem Nackenbereich, der auch als Stiernacken bezeichnet wird, weil das Gewebe dort besonders reich an Kollagen ist. In der Weiterverarbeitung wird das Kollagen extrahiert, hydrolysiert und anschließend in kosmetische Formulierungen eingearbeitet.
- Marines Kollagen Diese Form wird aus der Haut und den Schuppen von Fischen gewonnen und gilt in der Kosmetik als besonders hautähnlich. Sie kommt in vielen hochwertigen Anti-Aging-Produkten zum Einsatz und hat sich dort über Jahre als zuverlässiger und wirksamer Inhaltsstoff etabliert.
Beides sind bewährte Rohstoffe, beides funktioniert, und beides hat in der professionellen Kosmetik seinen festen Platz. Aber beides ist tierischen Ursprungs. Und genau hier entsteht für einen wachsenden Teil meiner Kundinnen und Kunden ein Konflikt.
Warum der Wunsch nach einer veganen Alternative berechtigt ist
Immer mehr Menschen möchten, dass auch ihre Hautpflege zu ihrer Lebensweise passt. Wer aus ethischen, ökologischen oder religiösen Gründen auf tierische Produkte verzichtet, möchte das auch im Badezimmer tun, ohne bei der Wirkung Kompromisse einzugehen. Das ist ein völlig nachvollziehbarer Wunsch, und er verdient eine ehrliche Antwort. Der Haken ist nur: Einfach „pflanzliches Kollagen“ draufschreiben und gut ist, funktioniert fachlich nicht. Der Begriff ist bequem, aber unpräzise. Und Präzision ist mir bei dem, was ich meinen Kundinnen und Kunden empfehle, sehr wichtig.
Die elegante Lösung: das pflanzliche Analogon zu Kollagen
Statt also so zu tun, als wüchse Kollagen auf Feldern, hat die seriöse Wirkstoffforschung einen anderen Weg eingeschlagen. Die entscheidende Frage lautete, was man der Haut anbieten könne, das sie so behandelt, als hätte sie Kollagen bekommen, wenn sich echtes Kollagen schon nicht aus Pflanzen gewinnen lässt. Das Ergebnis trägt den Namen pflanzliches Analogon zu Kollagen und ist damit ein pflanzliches Gegenstück, das die Funktion nachbildet, ohne dieselbe Substanz zu sein.
Die Idee dahinter ist klug. Man kombiniert mehrere pflanzliche Rohstoffe so, dass ihr Aminosäureprofil dem von echtem, hydrolysiertem Kollagen möglichst nahekommt. Drei Pflanzen spielen dabei eine tragende Rolle:
Sojaprotein: Hydrolysiert, also bereits in kleinere Einheiten zerlegt, bringt Soja ein besonders breites Aminosäurenprofil mit.
Reisaminosäuren: Reis ergänzt das Profil gezielt dort, wo Soja Lücken lässt – und ist dabei hervorragend hautverträglich.
Baobab-Samenextrakt: Der afrikanische Affenbrotbaum liefert den dritten Baustein und rundet die Kombination ab.
Keine dieser Pflanzen allein würde funktionieren. Keine Pflanze der Welt hat für sich genommen dasselbe molekulare Profil wie Kollagen. Dafür unterscheidet sich die Botanik einfach zu sehr von der Zoologie. Die eigentliche Kunst liegt deshalb in der Kombination drei Rohstoffe so aufeinander abzustimmen, dass am Ende ein Wirkstoffkomplex steht, der der Haut ein Aminosäuremuster anbietet, das dem von echtem Kollagen sehr nahekommt.
Was die einzelnen Aminosäuren in der Haut leisten
Damit das Ganze nicht zu abstrakt bleibt: Ein pflanzliches Analogon liefert unter anderem Arginin, Glutaminsäure, Glycin, Lysin, Prolin und Valin. Jede dieser Aminosäuren hat eine konkrete Aufgabe:
- Glycin fördert die Gewebereparatur und unterstützt die Haut nach kleinen Verletzungen oder Reizungen.
- Prolin hilft Haut, Feuchtigkeit besser zu speichern.
- Lysin trägt zusammen mit Glycin und Prolin zur körpereigenen Kollagensynthese bei.
- Arginin bindet Wasser in der Haut und verstärkt so den feuchtigkeitsspendenden Effekt.
- Glutaminsäure steigert messbar die körpereigene Kollagenbildung.
- Valin unterstützt als essenzielle Aminosäure den Gesamtstoffwechsel der Hautzellen.
Man sieht also: Das pflanzliche Analogon füttert die Haut nicht mit „fertigem“ Kollagen. Das könnte auch das tierische Pendant nicht, denn ein ganzes Kollagenmolekül ist viel zu groß, um überhaupt in die Haut einzudringen. Was beide Varianten tun, ist, der Haut die Bausteine zu liefern, aus denen sie ihr eigenes Kollagen wieder aufbauen kann. Das ist der eigentliche Wirkmechanismus, über den in Werbetexten selten gesprochen wird.
Meine Haltung
Für mich gibt es hier kein Richtig oder Falsch. Marines Kollagen aus Fischhaut ist ein exzellenter Wirkstoff, und ich arbeite nach wie vor gerne mit Produkten, in denen es enthalten ist. Ein gut gemachtes pflanzliches Analogon ist ebenfalls ein exzellenter Wirkstoff und für alle, die bewusst auf tierische Inhaltsstoffe verzichten möchten, schließt es eine Lücke, die lange Zeit offen war. Beide Wege führen zum Ziel, sie gehen es nur unterschiedlich an.
Was mir wichtiger ist als die Frage „tierisch oder pflanzlich“, ist die Frage, ob in einem Produkt tatsächlich drinsteckt, was draufsteht und ob es der Haut davon wirklich etwas bringt. „Pflanzliches Kollagen“ als Begriff verschleiert genau das. „Pflanzliches Analogon zu Kollagen“ ist länger und sperriger, aber ehrlich. Und in der Kosmetik ist Ehrlichkeit etwas, das ich meinen Kundinnen und Kunden schulde, bevor ich über Wirkung überhaupt rede.
Wenn Sie also das nächste Mal vor einem Tiegel stehen und „pflanzliches Kollagen“ lesen, wissen Sie jetzt, dass es sich nicht um Kollagen handelt, sondern im besten Fall um einen klug zusammengestellten pflanzlichen Aminosäurenkomplex, der Ihrer Haut dabei hilft, ihr eigenes Kollagen wieder aufzubauen. Das ist weniger spektakulär formuliert, aber es ist die Wahrheit. Und die Wahrheit, habe ich gelernt, wirkt auf Dauer am besten.
Ihr Mario Goldinger



