Es fällt mir nicht leicht diese Geschichte zu erzählen. Aber ich erzähle sie trotzdem, weil ich glaube, dass sie jemanden erreicht, der sie gerade braucht.
Ich begann mit einer Entscheidung, die ich für klug hielt. Aufgrund der Teuerung wollte ich Kosten einsparen, ohne meine Preise für meine Kunden zu erhöhen. Die Lösung schien einfach. Zwei Häuser weiter gab es ein Geschäftslokal mit einem kleinen Wohnbereich. Arbeit und Leben unter einem Dach. Klingt praktisch. War es auch – bis es das nicht mehr war.
Denn wenn man keine physische Trennung mehr hat zwischen Beruf und Privatem, dann verschwimmt die Grenze. Zuerst langsam, dann vollständig. Statt einer Mittagspause arbeitete ich durch. Statt Netflix am Abend kamen noch Kunden dazu. Am Ende der Woche stand ich bei 80 bis 85 Arbeitsstunden.
Das ging eine Zeit lang gut. Der Körper ist geduldig. Aber er vergisst nichts.
Der Stich in der Hand
Es war ein ganz normaler Spaziergang. Ich setzte mich auf eine Parkbank und spürte einen Stich in meiner Hand. Am nächsten Tag folgte ein MRT. Das Ergebnis war eine chronische und akute Sehnenscheidenentzündung.
Der Arzt war sehr klar mit seiner Diagnose. Es würde etwa ein Jahr dauern, bis das wieder gut ist. Vollständige Schonung.
Ich hörte nicht zu.
Meine Arbeit ist meine Leidenschaft. Ich hatte gerade meine eigene Gesichtsmaske entwickelt. Meine Kunden brauchten mich. Ich probierte alles, um trotzdem arbeiten zu können. Trotz Schmerzen und mit Schienen, mit dem festen Glauben, die Ausnahme von der Regel zu sein. Ich konsultierte mehrere Ärzte. Schließlich landete ich bei einer befreundeten Neurologin, die mir nach Monaten des Herumlavierens etwas sagte, das ich nicht hören wollte: „Sperre mindestens drei Monate zu.“
85 Stunden / Woche
10+ Ärzte konsultiert
€ 12.000,- Behandlungskosten
Ich ging offiziell in den Krankenstand. Was dann folgte, war eine Odyssee durch Behandlungen, die ich mir davor nicht hätte vorstellen können. Magnetfeld, Stoßwellentherapie, Laser, Ergotherapie. Ich probierte alles, was möglich war.
Im November stürzte ich auf die rechte Hand. Im Dezember stürzte ich ein zweites Mal – diesmal auf beide Hände. Wer schon einmal versucht hat, sich zu erholen, während der Körper weitere Rückschläge kassiert, weiß, wie sich das anfühlt: wie drei Schritte zurück für jeden nach vorne.
Das Medikament
Im Jänner brachte ein neuer Spezialist neue Hoffnung. Ein Behandlungsansatz mit Nahrungsergänzungsmitteln, Ergotherapie, und die Aussicht auf Genesung innerhalb von eineinhalb Monaten. Es klang plausibel. Es fühlte sich gut an, endlich einen Plan zu haben.
Parallel dazu, bei meiner praktischen Ärztin, sprach ich auch von Schlafproblemen. Albträume, jede Nacht. Existenzängste, weil mein gesamtes Kapital in dieser Firma steckte. Sie verschrieb mir etwas zum Schlafen und betonte ausdrücklich, es sei kein Antidepressivum. Ich wollte nämlich definitiv kein Antidepressivum haben.
Ich hatte im Hinterkopf immer ein leises Unbehagen. Eine Art innere Stimme, die sagte: Das brauchst du nicht. Das willst du nicht. Aber ich ignorierte sie und vertraute der Ärztin.
Drei Wochen nahm ich das Medikament. Die Albträume wurden kurz besser, dann wieder schlechter. Eine Psychiaterin, zu der ich im Zuge der weiteren Krankenstandsabwicklung musste, riet mir, die Dosis zu erhöhen, nur um herauszufinden, ob die Nebenwirkungen damit zusammenhingen. Es ging dabei von einem halben auf ein ganzes Milligramm…
Noch am selben Tag hatte ich eine Psychose. Ich war überzeugt, dass mein Partner mich ermorden wollte.
Ich lief ihm davon. Im strömenden Regen, ohne Schirm, ohne Jacke. Ich gab ihm die Schlüssel zurück. In meiner Wahnvorstellung beendete ich die Beziehung und war vollkommen überzeugt davon, dass ich damit mein Leben rette. Mein Partner, der mich noch nie auch nur angeschrien hatte, war in meinem Kopf zur Bedrohung geworden.
Er lief mir nach. Er brachte mich nach Hause.
Ich nahm das Medikament am nächsten Tag noch einmal. Am vierten Tag konnte ich nicht mehr. Ich war gelähmt. Nicht wie gelähmt, sondern wirklich gelähmt und konnte weder meinen Körper bewegen noch sprechen. Der Zustand verschlechterte sich im Laufe des Tages. Mein Verstand war vollständig da, nur ich konnte mich nicht bewegen.
Mein Partner versuchte die Psychiaterin zu erreichen und hinterließ ihr eine Nachricht. Sie hat bis heute nicht zurückgerufen. Die praktische Ärztin dementierte zunächst, ein Antidepressivum verschrieben zu haben – um dann, als die Symptome geschildert wurden, von einer möglichen Vergiftung zu sprechen und sofortige Einweisung anzuraten.
Als er schließlich meine Mutter anrief, wusste sie auf Anhieb, worum es ging. In unserer Familie war diese Unverträglichkeit bekannt – meine Großmutter, meine Mutter. Ich hatte es irgendwo gewusst. Dieses leise Unbehagen von Anfang an hatte einen Grund gehabt.
Ich bestand darauf, keine Rettung zu rufen (Dafür bin ich einfach zu eitel). Mein Kopf funktionierte und ich wusste genau, was ich wollte, bzw. nicht wollte. Meine Mutter riet zu Salbei-Tee und viel Flüssigkeit. Mein Partner musste mir den Tee mit dem Strohalm einflößen. Eine Stunde später konnte ich mich wieder bewegen.
Was in der Paralyse passierte
In den Stunden, in denen ich nicht wusste, ob und wie es weitergeht, tat ich etwas, das ich sonst selten tue: Ich betete.
Ich bete selten, weil ich denke Gott hat genug zu tun. Aber vielleicht werden gerade deswegen die seltenen Gebete schneller erhört.
Was ich in dieser Stille fand, war keine große Offenbarung, sondern eine schlichte Erkenntnis: Das hier war eine Vorschau und eine Warnung. Wenn ich nicht auf mich selbst achte, schaut so meine Zukunft aus. Und ich beschloss, sie diesmal ernst zu nehmen.
Die genetische Antwort
In den folgenden Wochen setzte ich das Medikament ab – hart und sofort, weil ich es nicht mehr in meinem Körper haben wollte. Die Nachwirkungen kamen in Wellen. Kälte als Trigger, dann Zittern, dann musste ich mich hinlegen. Das dauerte noch rund zweieinhalb Monate.
Auf Drängen meinerseits wurde ein Gentest durchgeführt, der die Medikamentenverträglichkeit analysiert. Das Ergebnis erklärte vieles. Ich habe eine genetische Veränderung, die zwei Enzyme betrifft. Eines sorgt dafür, dass Nährstoffe bei mir schneller verarbeitet werden als bei anderen. Das zweite fehlt mir de facto. Es ist dafür verantwortlich, bestimmte Medikamente, aber auch Koffein, Schmerzmittel, Drogen oder Alkohol, korrekt abzubauen. Sie bleiben viel länger im Körper als bei anderen. Medikamente, die erst im Darm aufgespalten werden sollen, kann ich nicht aufspalten. Dieses Enzym lässt sich nicht supplementieren.
Das war der Beweis für mich selbst, aber auch gegenüber den Ärzten, die mir zwischenzeitlich sagten, meine Beschwerden seien rein psychisch und ich bilde mir die ”Anfälle” ein, denn so lange kann kein Medikament im Körper bleiben.
Der Arzt, der es richtete
Nach zehn Ärzten und schon rund 10.000 Euro an Behandlungskosten, mit immer noch denselben Schmerzen in der Hand, schlug mein Partner vor, zu seinem Hausarzt zu gehen. Ich ging ohne große Erwartung hin.
Dieser Arzt nahm sich beim Erstgespräch für mich Zeit, ging jeden Befund durch und sprach dann aus, was mir zuvor niemand gesagt hatte. Die Entzündung hätte längst weg sein müssen. Warum sie es nicht war, blieb ungeklärt – aber er handelte. Als Erster setzte er eine Kortison-Spritze ins Gelenk. Fünf Tage wurde es schlimmer, bevor es besser wurde. Dann waren die Schmerzen weg. Das ist nun über ein halbes Jahr her.
Physiotherapie, Ergotherapie und eine Handchirurgin bauten danach die Muskulatur wieder auf. Weitere Untersuchungen brachten zusätzliche Diagnosen ans Licht: einen Bandscheibenvorfall in der Halswirbelsäule, Veränderungen am Karpaltunnel, aber die Schmerzen, die mein Leben so lange bestimmt hatten, sind seither nicht zurückgekommen.
Was bleibt
Meinen damaligen Standort hatte ich zwischenzeitlich bereits gekündigt, weil ich nicht wusste, ob ich rechtzeitig zurückkehren könnte. Also musste ich schnell ein neues Geschäftslokal finden. Was mir gelang, als ich aufhörte, mich auf einen bestimmten Bezirk zu fixieren.
Heute arbeite ich mit weniger Kosten, einer täglichen Pause, einem Luxus, den ich mir davor nie erlaubt hatte, und maximal vier Behandlungen am Tag.
Das ist vorbei.
Mit meiner Hand geht es gut. Ich kann meine eigene Maske wieder auftragen und bin jetzt startklar für mein neues Ziel. Und das ist, nicht mehr mein schlimmster Chef zu sein, sondern mein bester.
Ich teile diese Geschichte nicht als Klage. Ich teile sie, weil ich weiß, dass es viele Menschen gibt, die ähnlich funktionieren. Die geben, geben, geben und irgendwann vergessen, auch sich selbst auf die Liste zu setzen. Der Körper erinnert einen dann daran. Manchmal sehr laut.
Wenn Sie sich darin wiedererkennen, hören Sie früher hin, als ich es getan habe. Der Körper stellt irgendwann die Fragen. Besser, man beantwortet sie selbst, bevor er es tut.
Ihr Mario Goldinger


